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Kurz erklärt

Warum machen wir Fehler?

Da war es neulich wieder. In einer Pressemitteilung wurde stolz „das neue Flagschiff am Handyhimmel“ vorgestellt. Und während wir über ein Schiff am Himmel noch generös hinwegsehen – man denke an Luftschiffe –, kann es beim „Flagschiff“ trotz aller Flagship-Stores, die in deutschen Metropolen eröffnen mögen, kein Pardon geben: Das zweite G lassen wir uns nicht nehmen, schließlich ist das „Flaggschiff“ ursprünglich definiert als das Schiff, welches die Flagge des Flaggoffiziers an Bord hatte.

Und warum schreibt dennoch gefühlt jeder Zweite das Wort falsch? Weil unser Orthografieverständnis zutiefst visuell geprägt ist, und uns daher das englische flagship allemal näher ist als eine angestaubte Erklärung, die mit der zumeist übertragenen Bedeutung, in der das Wort heute verwendet wird, ohnehin nichts mehr zu tun hat. Deshalb wimmelt es im Internet auch von „Gallerien“ (engl.: gallery) statt Galerien, von „Addressen“ (engl.: address) statt Adressen, aus Ressourcen werden „Resourcen“ und aus Quarz wird „Quartz“. Ein Disaster ... äh ... Desaster!

Aber halt! Schimpfen wir nicht auf die orthografische Verunsicherung durchs Englische, schließlich bietet unsere deutsche Sprache auch selbst Fallstricke genug. Dies gilt ganz besonders, wenn wir Ausdrücke verwenden, deren genaue Bedeutung bereits stark vom Nebel der Sprachgeschichte bedeckt ist: „So halten Sie gelungene Präsentationen aus dem Stehgreif“, wirbt etwa ein durchaus renommierter Verlag auf seiner Website für seine Bücher. Und auch wenn die Assoziation an einen Vortrag im Stehen, bei dem wir nach Worten oder Gedanken greifen, noch so naheliegen mag, verhält es sich tatsächlich ganz anders: Ergriff der Redner früher das Wort „aus dem Stegreif“, tat er dies aus den Steigbügeln (althochdeutsch: stegareif) heraus, also ohne von seinem Pferd abzusteigen.

Am Pferd respektive an seinem Zaumzeug liegt es auch, dass wir Dinge von hinten „aufzäumen“ und nicht etwa „aufzäunen“, wie gerne falsch zu lesen ist, und vielleicht mal „über die Stränge schlagen“ und nicht etwa über die Strenge, auch wenn wir in diesem Moment vielleicht jedwede Strenge uns selbst gegenüber vergessen. Schließlich liest man selbst bei gestandenen Journalisten hin und wieder, sie seien „baff erstaunt“ – richtig baff sind sie dann, wenn sie erfahren, dass es „bass erstaunt“ heißt, wobei „bass“ ein altes deutsches Wort für „sehr“ ist. Die Entschuldigung, sie hätten das jetzt „aufs Geradewohl“ hingeschrieben, lassen wir nicht gelten, denn die Wendung schreibt sich „aufs Geratewohl“, abgeleitet aus dem alten Imperativ „Gerate wohl!“, was sich frei mit „Viel Glück!“ übersetzen lässt.

Warum machen wir Fehler? Das war die Eingangsfrage, und immerhin zwei Kategorien von Fehlern konnten wir schon dingfest machen: die Überlagerung der deutschen Schreibweise durch die englische und mangelnde Kenntnisse der Herkunft eines Wortes oder Ausdrucks. Wobei ich diesen kleinen Ausflug ins gruselige Reich der Falschschreibungen nicht beenden will, ohne auf eine dritte und sehr stark verbreitete Kategorie hingewiesen zu haben: Wörter, die sich schlicht ähneln. So stellen sich viele den Kreißsaal gerne rund vor, als „Kreissaal“, während die tatsächlich runde Kreissäge gerne als „Kreißsäge“ oder gar „Kreischsäge“ tituliert wird, denn sie kreischt ja so laut. Oder: Welchem Journalisten juckt angesichts der aktuellen Bedrohung durch Piraten nicht die Metapher von der „Geisel der Seefahrt“ in der Feder? Doch obgleich die Piraten Geiseln nehmen, macht sie dies nicht selbst zu einer, allenfalls zu einer Geißel, aber das hatte man ja doch auch gemeint. Bleibt einem nur, angesichts der vielen Tretmienen der deutschen Sprache gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Julian von Heyl am 18.08.09 | Kommentare (0) | Visits: 1036

Rubrik Kurz erklärt:

Die deutsche Sprache ist gespickt mit Fallstricken. Hier gehen wir auf ausgewählte Problemfälle ein und liefern kurze Erklärungen und Definitionen zu Schreibweise, Grammatik und praktischer Anwendung.

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