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Nachgefragt

Gewinn-und-Verlust-Rechnung

Der Duden verzeichnet eine ganze Reihe von Bindestrichkomposita mit dem Bestandteil „und“ wie die „Nacht-und-Nebel-Aktion“, die „Berg-und-Tal-Fahrt“, die „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“, das „Katz-und-Maus-Spiel“ oder die „Start-und-Lande-Bahn“. Nun trifft man allerdings auch sehr häufig die Schreibweisen „Nacht- und Nebelaktion“ oder „Gewinn- und Verlustrechnung“ an; letzterer Begriff steht sogar in ebendieser Schreibweise im Handelsgesetzbuch (HGB).

Frage:
Speziell bei der „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“ hätte ich Mühe, eine Begründung für die eine oder andere Schreibweise zu formulieren. Gut, man könnte sagen, dass es sich um nur eine Rechnung handelt und nicht um derer zwei, wie der Auslassungsstrich bei „Gewinn- und Verlustrechnung“ nahelegen würde; aber beim „Buß- und Bettag“ handelt es sich ja auch nur um einen Tag.

Könnten Sie kurz die Kriterien erläutern, wann die oben beschriebenen Konstruktionen als Bindestrichwort (wie „Hin-und-her-Fahren“) und wann sie als Wortpaar mit Auslassungsstrich (wie „Hin- und Herfahrt“) gebildet werden? Gibt es auch Fälle, bei denen man beide Schreibweisen als richtig ansehen kann?
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Die Unterscheidung sollte sich im Idealfall aus der Auflösung der Zusammensetzung ergeben. Eine „Nacht-und-Nebel-Aktion“ findet bei „Nacht und Nebel“ statt – hier wird eine Wortgruppe mit einem Grundwort verbunden und deshalb regelgemäß mit Bindestrichen zwischen allen Bestandteilen geschrieben. Wenn wir dagegen von „Hin- und Herfahrt“ sprechen, fassen wir die Wörter „Hinfahrt“ und „Herfahrt“ mit einem Ergänzungsstrich zusammen. Das „Hin-und-her-Fahren“ wiederum ist wohl eher als eine Verbindung mit der adverbiellen Fügung „hin und her“ im Sinne von „ziellos“ aufzufassen.

Beim „Buß- und Bettag“ ist meines Erachtens entscheidend, dass „Buß und Bet“ keine selbstständige Wortgruppe bilden. Eine explizite Regel dazu ist mir aber nicht bekannt.

In den Fachsprachen und auch darüber hinaus wird die Grundregel gelegentlich nicht beachtet, deshalb sind Schreibungen wie „Nacht- und Nebelaktion“ in der Tat relativ häufig zu finden. Bei „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“ kann man sich überdies auch darüber streiten, ob hier eine Berechnung von „Gewinn und Verlust“ oder vielleicht doch eine Zusammenfassung von „Gewinnrechnung“ und „Verlustrechnung“ vorliegt. Der Duden hat sich traditionell für die erstere Interpretation entschieden.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Dudenredaktion

Julian von Heyl am 27.09.10 | Kommentare (3) | Visits: 4772

Rubrik Nachgefragt:

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Kommentare

1  Dirk

Bei der GuV, so die Abkürzung, wird der Gewinn ODER der Verlust berechnet (negativer Gewinn). Es handelt sich um eine Rechnung und müsste eigentlich Gewinn- oder Verlustrechnung heißen. Oder liege ich falsch?

Geschrieben von Dirk am 04.01.11 10:01

2  Julian von Heyl

Gerade wenn man annimmt, dass es sich bei der GuV um eine Rechnung handelt, liegt die Schreibweise Gewinn-und-Verlust-Rechnung näher – das Grundwort "Rechnung" wird hier mit einer Wortgruppe verbunden.

Geschrieben von Julian von Heyl am 29.01.11 22:06

3  Klaus Kieser

Ich finde die Erklärung von Herrn Scholze-Stubenrecht von der Duden-Redaktion nicht überzeugend. Es kommt in den beispielhaft genannten Fällen nach meinem Sprachgefühl und in meiner Sprachlogik mitnichten darauf an, ob eine »selbständige Wortgruppe« vorliegt. (Wie definiert sich eine solche denn?) Sondern vielmehr ist entscheidend, daß sich zwei oder mehr Wörter auf ein einziges Grundwort beziehen. Konsequent wäre als die Schreibung Buß-und-Bet-Tag (ein Tag, an dem man Buße tut und betet), analog zu Gewinn-und-Verlust-Rechnung (eine Rechnung, mit der Gewinn oder Verlust ermittelt wird). Die Schreibung Buß- und Bettag suggeriert doch, daß es sich um zwei Tage handelt: einen Bußtag und einen Bettag. Was natürlich nicht der Fall ist. Konsequenterweise muß es dann auch etwa heißen: Obst-und-Gemüse-Markt, Musik-und-Tanz-Vorführung etc.
Ich gebe zu, die beispielhaft genannten Schreibungen wie Buß-und-Bet-Tag oder Obst-und-Gemüse-Markt sehen zunächst »falsch« aus, doch das ist meiens Erachtens eine Frage der Gewöhnung. In meinen Augen sind sie logisch und deshalb »richtig«.

Geschrieben von Klaus Kieser am 22.11.13 01:36

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