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Re: mögen / möchten

Autor:Pumene
Datum: Sa, 5.9.2020, 15:00
Antwort auf: Re: mögen / möchten (Matthias2030)

> Mein Fazit von den Erklärungen ist es, dass "mögen"
> zwar in meinem Beispiel statt "möchten" verwendet
> werden kann, aber es sich um ein erhobenes Sprachniveau handelt.

mögen ist ein Infinitiv eines Verbes, möchten als Infinitiv gibt es nicht.

Die nicht zusammengesetzten Zeiten von „mögen“:

Indikativ Präsens Aktiv:
ich mag
du magst
er/sie/es mag
wir mögen
ihr mögt
sie mögen

Indikativ Präteritum Aktiv:
ich mochte
du mochtest
er/sie/es mochte
wir mochten
ihr mochtet
sie mochten

Konjunktiv I Aktiv:
ich möge
du mögest
er/sie/es möge
wir mögen
ihr möget
sie mögen

Konjunktiv II Aktiv:
ich möchte
du möchtest
er/sie/es möchte
wir möchten
ihr möchtet
sie möchten

Das Besondere am Verb mögen ist die Tatsache, dass der Konjunktiv II Aktiv wie ein Indikativ Präsens Aktiv empfunden wird, als höflichere Variante zu „wollen/ich will usw.“

Das gibt zum Beispiel Probleme, wenn die Form „wir möchten“ (Konjunktiv II Aktiv) in der indirekten Rede verwendet wird, weil „wir möchten“ anders aufgefasst wird.

Wenn in der direkten Rede steht:

Sie sagen: „Wir mögen keine Kinder.“

kann daraus nicht — wie sonst bei der indirekten Rede üblich — der mit dem Indikativ Präsens Aktiv identische Konjunktiv I Aktiv wegen dieser Identität durch den Konjunktiv II Aktiv ersetzt werden:

Sie sagen, dass sie keine Kinder möchten.

,

weil das falsch interpretiert werden würde.

Man müsste sich vielleicht umständlicher ausdrücken:

Sie sagen, dass sie keine Kinder mögen würden.

Trotz alledem gibt es keinen Infinitiv für ein Verb „möchten“, von dem im Indikativ Präsens Aktiv Formen wie:
ich möchte
du möchtest
....

abgeleitet werden könnten.

Gruß

Pumene

Anmerkung:

Wegen der Besonderheit, dass der Konjunktiv II Aktiv des Verbs „mögen“ eine neue Bedeutung bekommen hat, schlagen manche Sprachwissenschaftler vor, dass das „Verb „möchten“ “ ein eigenes, siebtes Modalverb mit dem „Infinitiv möchten“* sein könnte (das dann allerdings keinen eigenständigen Indikativ Präteritum Aktiv, keinen eigenständigen Konjunktiv I Aktiv und keinen eigenständigen Konjunktiv II Aktiv hätte).

https://www.verbformen.de/konjugation/mo3chten.htm

Den Abschnitt, der sich auf deine Anfrage bezieht, habe ich aus dem Skript (siehe Link) nochmals herauskopiert:

http://unine.ch/files/live/sites/islc/files/Tranel/55/111-137_Naef_def.pdf

Ein letztes Indiz für das Auseinanderdriften der Bedeutungen. Bekanntlich hat der Konjunktiv II im Hauptsatz auch eine "abschwächende" Funktion, etwa bei der Formulierung höflicher Bitten wie in (20):
(20) (a) Darf / Dürfte ich Sie etwas fragen?
(20) (b) Können / Könnten Sie mal kurz zur Seite gehen?
Dieser Mechanismus funktioniert aber bei mögen / möchten nicht in der gleichen Weise: möchten ist keine abgeschwächte Variante von mögen. In (21) unterstellt man bei mögen präferiert den Sinn 'gern haben' und den Sprechaktwert "eine Informationsfrage stellen". Demgegenüber handelt es sich bei möchten um die Sprechaktfamilie "etwas anbieten, nach Wünschen fragen". Darüber hinaus dürfte sich auch die Intonation (vor allem der Hauptakzent) der beiden Interrogativsätze in (21a) in typischer, experimentell nachweisbarer Weise unterscheiden.
(21) (a) Mögen / Möchten Sie Meeresfrüchte?
(21) (b) Mögen / Möchten Sie frische Feigen?
(21) (c) Mögen / Möchten Sie ein Stück Kuchen?

An Beispiel (21) lässt sich aufzeigen, wie die vom Rezipienten jeweils präferierte Interpretation zum Teil auch vom Situationskontext und vom Weltwissen gesteuert wird. Da der Rezipient weiss, dass nicht alle Leute gern Meeresfrüchte haben, liegt in (21a) die Interpretation '(nicht) gern haben' schon von vornherein nahe. Wenn wir diesen auf dem Weltwissen beruhenden Faktor abschwächen und wie in (21b) ein weniger kontroverses Lebensmittel einsetzen, dann ist in beiden Varianten die Bedeutung 'Lust haben auf etwas' und der Sprechaktwert 'etwas anbieten', 'nach Wünschen fragen' näher liegend. Und wenn wir wie in (21c) den Faktor Weltwissen durch eine noch banalere Speise neutralisieren, steht auch bei mögen der Sprechaktwert 'etwas anbieten' im Vordergrund. Diese Interpretation liegt auch deshalb nahe, weil hier das bereits portionierte Lebensmittel (ein Stück) auf 'etwas anbieten' hindeutet. Bei einem Satz wie Mögen Sie Kuchen? dagegen würde wohl eher die Unterbedeutung 'gern haben' aktiviert, und dies trotz des Weltwissens, dass die meisten Leute Kuchen mögen.

*
Umgangssprachliche Belege für den Infinitiv möchten werden bei Vater (2010, 103) zitiert, z. B. Von möchten kann nicht die Rede sein. Müssen! - In einem nicht-getaggten Korpus wie COSMAS II wäre die Suche nach allen Belegen mit dem Infinitiv möchten mit sehr viel "Handarbeit" verbunden. Der folgende Beleg aus den Salzburger Nachrichten vom 22.09.1997 scheint mir aber insofern typisch, als er zum einen in einer direkten Rede und zum andern mit der – regional markierten – Konjunktiv-II-Umschreibung mit tun auftritt: Auf die Frage, ob es denn noch andere Kandidaten gibt, antwortete Hofinger lediglich: "Möchten täten viele." Die Verbform möchten kann hier natürlich kein Konjunktiv sein, sonst brauchte sie ja nicht mit einer Konjunktivperiphrase ('Viele würden gerne wollen') kombiniert zu werden.

oder (Bastian Sick, Zwiebelfisch-Kolumne):

Was wären wir zum Beispiel ohne die schöne Form "möchten"? Die ist uns so vertraut, dass manch einer sie gar für ein eigenes Verb hält.
Sie: "Ich möchte endlich einmal in Ruhe telefonieren können!"
Er (gereizt): "Du hast überhaupt nichts zu möchten!“

 

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