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Rechtschreibforum

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Re: Frage zur alten Rechtschreibung

Autor:Karla Krauschen
Datum: Mi, 3.10.2012, 00:09

Ich bitte um Nachsicht dafür, daß ich deine Replik übersehen hatte und nicht drauf geantwortet; ich fand sie erst jetzt wegen folgenden Threads:
http://www.korrekturen.de/forum.pl/page/1/md/read/id/69096/sbj/samstagabend-ohne-am/

> Stelle dir einen unsicheren Rechtschreiber vor, der bei der
> Konstruktion heute abend/heute Abend ins Grübeln kommt.
> ... Dann
> ruft er noch schnell ab, ob das Wort einen Artikel haben kann,
> und kommt zu dem Ergebnis: Nomen.

Geht man davon aus, daß Rechtschreibung dem Schreibenden das Leben erleichtern soll, kann man zu dieser Schlußfolgerung kommen. Aber diese Prämisse ist ja völlig falsch, Rechtschreibung dient dem Lesen. Im übrigen hat auch die Reform nicht dazu geführt, daß alles, was einen Artikel bekommen kann, groß geschrieben wird. Selbst wo etwas einen Artikel hat, wird es auch jetzt noch klein geschrieben: "der eine, der andere" und vieles mehr, während man bei "aufs Äußerste" 1996 groß schreiben MUSSTE, heute groß schreiben DARF. Beim "Einzelnen" wiederum muß man groß schreiben. Selbst wenn man die falsche Prämisse akzeptiert, daß Rechtschreibung der Schreibvereinfachung diene: Worin liegt die Erleichterung? Tatsächlich hat man ja nur die eine Spitzfindigkeit getilgt, um woanders eine einzuführen, und hat völlig verkannt, wie man Rechtschreibung lernt: durch Lesen. Man kann sie nicht mehr lernen, wenn man keine einheitliche Schreibung mehr zu lesen bekommt; zum einen durch die Reform, die für solches Lernen Lektüre von Texten aus der Zeit vor 1996 verhindern müßte oder je nach Wort vor 2004, 2006. In manchen Schulbüchereien hat man tatsächlich alte Bücher aussortiert und noch stolz verkündet, daß man dank Spenden neue anschaffen konnte. Ob man die alten verbrannt hat, ist nicht bekannt. Ebenfalls nicht bekannt ist, ob man die von vor 1996 aussortiert hat und die von zwischen 1996 und 2004/2006 daraufhin durchgesehen hat, ob sie Schreibungen enthielten, die nach 2006 ungülitg geworden waren, weil in manchen Fällen ja wieder die Schreibweisen von vor 1996 gültig wurden.
Dem Schreibenden jedenfalls bleibt es nach wie vor nicht erspart, darüber nachzudenken (oder es zu wissen), in welcher Weise ein Wort verwendet wird, denn nach wie vor hilft die einfache Eselsbrücke nicht weiter, daß man alles, wovor man einen Artikel setzen kann, groß schreibt. Auch die Eselsbrücke, daß vor "und" kein Komma steht, hat weder früher jemandem geholfen, noch hilft sie heute. Heute hilft ihm auch das Nachdenken nicht mehr weiter, denn einzusehen, warum der "andere" ein Pronomen sein soll, der "einzelne" aber nicht, und einzusehen, warum er "aufs Äußerste" schreiben darf, aber "am besten" nicht, wird er entweder wissen oder nachschlagen müssen.

> Wer einmal gelernt hat, dass der scharfe
> s-Laut nach kurzem Vokal als ss geschrieben wird
> (küssen, wissen), sollte mit dieser Regel auch die
> meisten Anwendungsfälle lösen können, ohne etliche Ausnahmen
> berücksichtigen zu müssen (müssen mit ss,
> müsst aber mit ß; verpassen mit ss,
> Paß aber mit ß). Die Konjunktion dass reiht
> sich hier ein.

Erstens ist das etwas, womit die wenigsten vor der Reform je Probleme hatten, die alte Regelung war kein bißchen schwieriger. Die Probleme kamen ja erst hinterher, zum Teil weil mancher glaubte, das ß wäre abgeschafft, zum Teil weil die neue Regelung so wenig verstanden wurde wie die alte. Aber mit der alten war man wenigstens durch Lesen vertraut. Falschschreibungen wie "Strasse" und "ich weiss" dürften vor der Reform selten gewesen sein. (Von der Schweizer Regelung kann man absehen, die hatte andere Gründe.) An der häufigen Verwechslung von "das" mit "daß/dass" hat die Reform nichts ändern können. Stattdessen suggeriert die Reform, "dass" sei moderner und zeitgemäßer, und viele glauben das, weil sie nicht wissen, welch alter Hut das ist.

Zweitens liegt hier wiederum eine falsche Prämisse zugrunde, nämlich daß es im Deutschen eine eindeutige Laut-Buchstaben-Zuordnung gäbe. Weder lernt man Aussprache durch die Schrift, noch lernt man die Schreibweisen über die Aussprache. Sprechen lernt man durchs Zuhören, und schreiben lernt man durchs Lesen. Niemand spricht "das" anders aus als "daß/dass", und "-as" spricht niemand in "was" anders aus als in "naß/nass".
Am weitesten gediehen in möglichst eindeutiger Laut-Buchstaben-Zuordnung dürfte das Italienische sein, das sich in Wörtern wie "fisica" für "Physik" weiter von seinen Wurzeln entfernt hat als deutsche Fremdwörter. Das möchte bei uns aber kaum jemand nachahmen und "Fisik" oder gar "Füsik" schreiben, genauso wenig wie Lesenden die generelle Kleinschreibung ein Bedürfnis ist. Die reformierten "Spagetti", die ein Italiener "spadschetti" aussprechen würde, will auch keiner nachahmen, nicht weil allen bekannt wäre, warum im Italienischen das h nicht fehlen kann, sondern weil sie es täglich im Supermarkt anders lesen.
Ohne die Reform hätten wir heute eine Rechtschreibung, die sicherlich manchen Mangel hat, aber wir hätten wenigstens keine Rechtschreibung, die noch mehr Mängel hat, in manchem ungrammatisch ist, in manchem (Getrenntschreibung) ins 19. Jh. zurückgefallen ist und die man, je nach Wort, erst seit ca. 16 oder 6 Jahren vorfindet, die also nicht einmal Tradition hat und nur beschlossen wurde, um mal irgendwas mal wieder irgendwie anders zu machen -- gegen den Willen der Lesenden wie der Schreibenden, denn eine Mehrheit hat diese Änderung nie gehabt.

 

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