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Ein gerüttelt Maß an schönen Redewendungen

geruettelt_mass.jpgBesondere und charmante Ausdrücke sind da viele im Deutschen – doch man hört sie, wie schade, fast nur alle Jubeljahre. Ihre ganz eigenen Geschichten erzählen sie oft; solche, die man fortträgt, wenn man sich ihrer bedient. Nicht selten fügen sie sich, schwuppdiwupp, es wundert fast, wohlklingend und ganz geschmeidig in den Redefluss ein. Selbst in die Alltagssprache und das auch dann, wenn sie schon Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Eine Suche nach erwähnenswerten Prunkstücken.

Nachgerade ein Kommentar zu meinem letzten Beitrag ließ mich aufmerken, welche netten Redewendungen denn da um mich herumschwirren, welche davon ich als charmant und kostbar (und benutzbar) bezeichnen würde. Den im erwähnten Kommentar genannten Ausdruck »ganz Ohr sein« benutze ich, zumindest gefühlt, gar nicht so selten; jedenfalls kommt er mir hier und da zu Ohren. Wahrscheinlich klingt er für viele Zeitgenossen recht angestaubt und sein Charme und seine Anwendbarkeit halten sich dabei, finde ich, in engen Grenzen – doch immerhin wird er auch heutzutage, als verhältnismäßig stark aus dem Rahmen fallende Redewendung, noch recht gerne verwendet. Vielen anderen schönen Redewendungen wird diese Ehre leider nicht mehr zuteil.

Wie bei der Sprache wohl so oft, steht es dem Gesagten wahrlich gut, wenn dabei rechter Anlass und rechter Ausdruck sich authentisch fügen; so, dass sich das Gesagte, gerade wenn es mit außergewöhnlichen Ausdrücken gespickt ist, nicht schnell der Steifheit und des Staubes verdächtig macht. Dann können solcherlei Wendungen die Sprache wirklich reicher, bunter und auch ein ganzes Stückchen lebendiger machen.

Ein gerüttelt Maß

Der waagenlose Getreidehändler, vor langer Zeit, wollte möglichst viel Getreide für den gezahlten Preis – deswegen sollte möglichst viel Korn im Scheffel, einem Hohlmaß, seinen Platz finden. Zu diesem Zweck wurde, man ahnt es, das Behältnis einfach gerüttelt. Schon passte doch noch mehr hinein als anfangs gedacht. Ich kann das wohl auch heute noch lebhaft nachvollziehen, wenn ich ein Behältnis fülle oder auffülle und mir dabei erhoffe, dass doch bitte der letzte Rest aus der Packung auch noch hineinpassen möge.

Am ehesten benutzt man, im Fall der Fälle, wohl »ein gerüttelt Maß an«. Aber auch ohne die Präposition an kann sich diese Redewendung hören lassen: »Ein gerüttelt Maß Unverschämtheiten«. Auch das Adjektiv voll kann von Wagemutigen in manchen Konstellationen, man betrachte den Ursprung der Redewendung, im übertragenen (und damit doppelten) Sinn angeschlossen werden: »Das war ein gerüttelt Maß voll!« Oder auch: »Das war ein gerüttelt Maß voll schönen Überraschungen / ein gerüttelt Maß voll schöner Überraschungen«. Wenn dem Adjektiv voll noch die Präposition von folgt, kann der Genitiv aber nicht stehen: »Ein gerüttelt Maß voll von schönen Schätzen«.

Alle Jubeljahre (einmal)

Vieles kommt nicht oft vor, auch wenn man sich das so manches Mal ersehnt. Selten, sporadisch, ab und an – alle Jubeljahre! Das Jubeljahr ist seit 1300 (gestiftet durch Papst Bonifatius VIII.) ein besonderes Jahr der katholischen Kirche, das nur alle 25 Jahre wiederkehrt. Diese Tradition wiederum geht zurück auf einen alttestamentarischen Brauch der Israeliten, bei denen das Jubeljahr (auch »Halljahr« genannt, da es durch eine Posaune angekündigt wurde) alle 50 Jahre wiederkehrte und den Zweck hatte, periodisch durch den Erlass von Schulden eine gewisse Gleichheit in Besitzfragen herzustellen. In diesem Zusammenhang war der Ausdruck auch mitbestimmend für das Wort Jubiläum, durch das heute auch Feiern anderer Art bezeichnet werden, die ebenfalls nur in größeren Zeitabständen wiederkehren. Auch wer mit der Kirche nichts am Hut hat, kann zu dieser volkstümlichen Redensart greifen, um etwas zu kennzeichnen, das bemerkenswert selten daherkommt. Von seinem Ursprung her natürlich besonders geeignet zur Bezeichnung von etwas, das zwar selten, aber in immer gleichen Abständen wiederkehrt. 25 Jahre, eine verdammt lange Zeit.

Aus dem hohlen Bauch

Mal eine ungezwungene Redewendung, die ich immerhin erwähnenswert finde: »Aus dem hohlen Bauch« ist sicher nur was für familiäre Anlässe – da kann es seinen Trumpf, die fast bildhafte Umschreibungskraft, aber umso besser ausspielen. Das habe ich jetzt einfach mal aus dem hohlen Bauch geschrieben: ohne große Vorbereitung, improvisiert, aus dem Handgelenk geschüttelt, aus der (kalten) Lamäng (vom französischen la main). Wenn man einen hohlen Bauch hat, dann war das Essen des Tages wohl für den hohlen Zahn, man hat sich nicht ausreichend gestärkt, hat sich nicht genügend Sachkenntnis angeeignet: »Das kann ich nicht aus dem hohlen Bauch!« Auch das kürzere »aus dem Bauch« bezeichnet umgangssprachlich eine intuitive Handlung oder ein instinktives Gefühl.

Die Pimpinellen / Pimpernellen kriegen

»Pimpinellen« oder »Pimpernellen« ist die Bezeichnung einer Pflanzengattung. Auch wenn dieser Gattungsname (ebenfalls für verschiedene Pflanzen einzelner Arten verwendet: Pimpinelle, Pimpernelle) nicht mehr sehr bekannt sein dürfte, haben Pflanzen dieser Gattung auch in Deutschland eine lange Tradition, etwa in der regionalen Küche. Genannt werden sie auch Bibernellen, am bekanntesten dürfte die Art Anis sein. Der Kleine Wiesenknopf wird umgangssprachlich bzw. regional auch Pimpernelle, Pimpinelle oder Bibernelle genannt – dabei gehört dieses Küchenkraut der genannten Gattung gar nicht an.

Eine durch Abkochen der Wurzeln von Pimpernellen gewonnene Tinktur wird zur Linderung von Bluthochdruck und Kopfschmerzen verwendet; im 17. Jahrhundert galten sie als Mittel gegen die Pest und Fieber. Die Kleine Bibernelle wiederum ist Hauptbestandteil der sogenannten Frankfurter Soße. Der Kleine Wiesenknopf gilt ebenfalls als ein Stärkungs- und Heilmittel. Auch das sogenannte Zittergras, ebenso eine Pflanze einer anderen Gattung, wird mundartlich als Pimpinelle oder Bibernelle bezeichnet.

Heute weitgehend unbekannt, lebt die Pimpinelle zumindest in einer Redewendung fort: Wenn man »die Pimpernellen kriegt«, dann bekommt man von etwas zu viel, man ist ungeduldig oder nervös, man regt sich über etwas auf oder verliert die Geduld. Möglich ist auch der Singular: »Die Pimpernelle kriegen.« Woher genau sich diese Wendung nun ableitet – im ganzen Wirrwarr der mundartlichen Bezeichnungen und der nicht leicht zu bestimmenden Wortherkunft –, dürfte man ohne eingehendes Studium nicht leicht eindeutig festlegen können; trotzdem finde ich diese Redewendung schön: Pimpernelle, Pimpernell, Pimpinelle – wohlklingende Wörter. Die Frage ist natürlich, ob man einen solchen Ausdruck überhaupt unbedarft verwenden sollte, wenn man ihn nicht (selbstverständlich) herleiten kann. Der alte Volksmund hat sich sicher noch etwas Konkretes darunter vorgestellt – heute dagegen kocht wohl kaum noch jemand mit Kräutern von der Wiese hinterm Haus. Trotzdem: Man begreife den Ausdruck einfach im Sinne »Ich brauche etwas gegen die Qualen, die ich gerade durchlebe!« Heilkräuter können ja auch heute noch, ohne fundiertes Wissen, Gold wert sein – ich übertrage das einfach mal freimütig auf die Sprache.

Ich glaub’, mein Muli priemt!

Es kann so befreiend sein, mal Dampf abzulassen, einfach seinem Ärger Luft zu machen. Und auch wenn Redewendungen dieser Couleur sicher immer als umgangssprachlich einzustufen sind, wünscht sich der ein oder andere wohl manchmal insgeheim, dass man sie auch zu offizielleren Anlässen ungestraft verwenden könnte. Wenn das Gegenüber nicht gerade der Chef ist, dann gibt es immerhin eine Palette von Wendungen dieser Gattung, die man zumindest als originell oder vielleicht sogar als charmant bezeichnen könnte.

Ein netter, wenn natürlich auch hoch umgangssprachlicher Ausdruck, der dann ganz gut passen kann, wenn man etwas absolut nicht fassen kann, wenn etwas völlig bescheuert ist: »Ich glaub’, mein Muli priemt.« Ein Priem ist ein Stück Kautabak und wer priemt, der kaut es. Klar, ein Maulesel wird das wohl eher selten tun – und genau deshalb vermag der Ausdruck die Fassungslosigkeit so gut zu beschreiben, die einen packt, wenn einem etwas so ungeheuerlich und haarsträubend vorkommt, dass man (vor Wut) fast an die Decke geht.

Umgangssprachlicher Charme hier, originelle Geschichte dort, man sollte es mit dem Würzen der Sprache vielleicht nicht übertreiben: Auch »gerüttelt Maß«, Pimpernellen und Kumpanen wollen da passen, wo man sie schreibt oder spricht. Selbst, wenn das nur alle Jubeljahre der Fall ist. Und wer ansonsten eher schlicht und ohne große Glanzstücke kommuniziert, dürfte schnell als eine Art Dampfplauderer gelten, wenn er plötzlich spricht und schreibt wie ein Antiquitätenhändler. Dann kriegen die Zuhörer oder Leser noch die Pimpinellen – und schon bald ist keiner mehr ganz Ohr.

Ruwen Schwerin am 02.02.11 | Kommentare (4) | Visits: 23947

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Kommentare

1  Paula

Das Jubeljahr ist keine katholische, sondern eine deutlich ältere "Erfindung", und findet alle fünfzig Jahre statt.

Es ist den Israeliten in 3. Mose 25, 10 von Gott als großes Ruhe- und Erlassjahr verordnet, als Steigerung des Sabbatjahres, nämlich nach siebenmal sieben Jahren: Felder ruhen, versklavte Israeliten werden freigelassen, etc.

http://www.bibleserver.com/index.php?ref=Lev25&trl_desig=EU&language=de&gw=go#/text/EU/3.Mose25

Geschrieben von Paula am March 4, 2011 12:32 PM

2  Ruwen Schwerin

Danke für den Hinweis!

Darauf bin ich bei der Recherche bereits gestoßen – leider ist es dann aber nicht mit in den Beitrag eingeflossen. Ich werde es ergänzen.

Viele Grüße
Ruwen

Geschrieben von Ruwen Schwerin am March 4, 2011 4:30 PM

3  jens

in vielen Regionen heißt es "ein gerüttet Maß"
leider findet man die Version ohne l nicht im Internet.
wisst ihr dazu mehr?

Geschrieben von jens am February 3, 2014 9:16 PM

4  Briggs

Als Kind habe ich mit meinen Großeltern immer das Kartenspiel Pimpernellla gespielt.
Ich war immer der Überzeugung, dass die Redewendung daher kommt, denn man musste sie schnell wieder loswerden, die Pikdame...

Geschrieben von Briggs am August 8, 2017 5:02 PM

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