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Vermischtes

Neues vom Rechtschreibrat – Caprice und Clementine

Entgegen landläufiger Vermutungen ist die Rechtschreibreform keineswegs abgeschlossen, sondern weiterhin »in Arbeit« – zuständig ist mittlerweile der sogenannte Rechtschreibrat, dessen Arbeit sich allerdings leider nur noch auf Feinkosmetik beschränkt. Grund ist, dass eine allzu drastische Änderung der neuen Rechtschreibung – die in den meisten Fällen auf eine Rückkehr zu den alten Regelungen hinauslaufen würde – politisch nicht gewollt ist.

Entsprechend kommt der 2. Abschlussbericht, der seit einigen Tagen als PDF-Download auf der Website des Rechtschreibrats zur Verfügung steht, zwar sehr aufgedonnert einher, aber schnell beschleicht einen der Verdacht, dass die pompösen und verklausulierten Formulierungen vor allem die Dürftigkeit der Ergebnisse verschleiern sollen. Der bekannte Reformkritiker Prof. Dr. Theodor Ickler hat hierzu in seinem »Rechtschreibtagebuch« einen sehr lesenswerten, ausführlichen Kommentar geschrieben.

Was bleibt überhaupt hängen? Beispielsweise hat der Rechtschreibrat, man höre und staune, 16 Variantenschreibungen ausfindig gemacht, die praktisch überhaupt nicht verwendet werden und die er daher zur Streichung vorschlägt:

Butike, Kupee, Mohär, Sutane, Fassette, Kabrio, Krem/Kreme, Maffia, Maläse, Scharm/scharmant, Sketsch, transchieren, Katarr, Myrre, Schikoree, Schose.

Schreibungen, die anmuten wie aus einer fremden Sprache. Man muss zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es teilweise um recht geläufige Begriffe geht:

Boutique, Coupé, Mohair, Soutane, Facette, Cabrio, Creme, Mafia, Malaise, Charme/charmant, Sketch, tranchieren, Katarrh, Myrrhe, Chicorée, Chose.

Im Gegenzug sollen ganze vier neue Schreibvarianten hinzukommen, die der Duden zum Teil schon vorweggenommen hat: die Caprice, was so viel wie »Laune« heißt und wohl eher vom Adjektiv kapriziös (launenhaft, eigenwillig) her bekannt sein dürfte, die Clementine, was sicher sinnvoll ist, da wir bei Klementine eher an die Ariel-Frau denken, die Crème neben Creme – etwa in Bildungen wie Crème fraîche – und (Tusch!) der Schmand, den man als dudenkonformen »Schmant« ohnehin nirgendwo kaufen kann.

clementinen.jpg
Klementinen sollen jetzt auch Clementinen heißen dürfen.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass der 30-köpfige Rechtschreibrat vor allem damit beschäftigt ist, seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Wo es wirklich nottäte, darf, will oder kann er nichts ändern, etwa bei den von Gerhard Augst eingeführten »Etymogeleien« wie einbläuen, Tollpatsch oder Zierrat. Ickler stellt hierzu treffend fest:

»In diesem Bereich fällt besonders unangenehm auf, wie der Rat sich über das offenbar Gezwungene der Neuschreibungen hinwegsetzt und die gewaltsame Durchsetzung für eine bloße ‚Entwicklung‘ des Schreibbrauchs zu halten vorgibt. Der Bericht übergeht auch den eigentlichen Kritikpunkt: daß nämlich die meisten ‚Etymogeleien‘ nicht bloß freigegeben, sondern zwingend vorgeschrieben sind. Auch wer weiß, daß einbleuen, Tolpatsch, Zierat nichts mit blau, toll und Rat zu tun haben, muß es jetzt so schreiben, als hätten sie es. Diese Demütigung der Gebildeten war von Augst beabsichtigt und bleibt als ständiges Ärgernis erhalten.«

Julian von Heyl am 21.12.10 | Kommentare (2) | Visits: 5571

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Kommentare

Geschrieben von Rolf Landolt am 07.01.11 17:17

2  Friedhelm Klein

Ich soll nicht mehr "Butike" oder "Maffia" schreiben? Vielleicht demnächst auch nicht mehr "Daunlot", "Füsick", "Kautsch", "Korlzenter", "Matscho", "Pulowa" oder "Schangse"?

Ist doch gut, daß man beim Rechtschreibrat den Blick fürs Wesentliche behalten hat. Na denn: gute Nacht!

Geschrieben von Friedhelm Klein am 28.08.12 14:58

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