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Rezensionen

Duden, Band 1: Die deutsche Rechtschreibung (2009)

duden2009.jpgIm Hause Duden dürfte man die fortlaufenden Veränderungen der deutschen Rechtschreibung durch die Rechtschreibreform mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen: Ganz materialistisch besehen sorgen sie für eine Ankurbelung des Umsatzes – war »der Duden« früher mehr oder weniger eine Anschaffung fürs Leben, muss man sich heute fast schon regelmäßig die neueste Auflage besorgen, wenn man auf aktuellem orthografischen Stand sein will.

Auf der anderen Seite zwingen die oft nicht zu Ende gedachten und lückenhaften Vorgaben des Rats für deutsche Rechtschreibung die Dudenredaktion zu Schwerstarbeit in der Interpretation des Regelwerks: Wann schreibt man nun zusammen, wann getrennt, wann liegt noch eine wörtliche und wann bereits eine übertragene Bedeutung vor? Wann hat man etwas liegengelassen (vergessen) und wann liegen gelassen (an seinem Ort liegend zurückgelassen)? Es kann ja auch beides der Fall sein: Man hat das Buch vergessen, und dort, wo man es vergessen hat, liegt es noch. Im Gegensatz zu den etwas differenzierteren Empfehlungen der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen neigt die Dudenredaktion in solchen Fällen dazu, ungeachtet solch semantischer Feinheiten der Getrenntschreibung den Vorzug zu geben.

Was die Aktivitäten des Rechtschreibrats angeht, kann bei der vorliegenden 25. Auflage des Bands 1 der Dudenreihe zumindest Entwarnung gegeben werden: Im Regelwerk hat sich seit 2006, dem Erscheinungsjahr der 24. Auflage, nichts geändert, so dass sich ein Kauf der aktuellen Ausgabe nicht zwingend aufdrängt. Was aber ist neu? Zunächst ist wieder eine Vergrößerung des Wortschatzes zu vermelden: 5.000 Stichwörter sind neu hinzugekommen, 135.000 sind es nun insgesamt, was einem Zuwachs um 3,8 % entspricht. Ein größerer Bereich der Neuzugänge stammt erwartungsgemäß aus dem Bereich der neuen Medien, twittern ist nun ebenso verzeichnet wie skypen. Andere Neueinträge nehmen Bezug auf das aktuelle Geschehen, wobei man sich streiten kann, ob die Aufnahme eines Wortes wie Abwrackprämie, das sich auf eine singuläre Aktion bezieht, nicht eher der Chronistenpflicht genügt, als dass sie einen wirklichen Nutzwert böte. Und schließlich gibt es eine ganze Reihe neuer Stichwörter, die sich als wenig ungewöhnliche Komposita entpuppen: neben dem Abend-Make-up kann man nun auch die Abendgarderobe nachschlagen. Nun ja. Bedauerlich ist, dass – möglicherweise aus Platzgründen – die komplette »amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung« weichen musste. Allerdings ist diese auch mehrfach im Internet zu finden, so auch auf dieser Website unter »Regeln«.

Die augenfälligste Neuerung ist aber sicher der Verzicht auf die rote Hervorhebung der Neuschreibungen. Für die meisten Benutzer mag dies keine Rolle spielen, für professionelle Anwender, die auch mal einen Text in alter Rechtschreibung korrigieren müssen, ist es ein herber Verlust und ein guter Grund, die vorangegangene Auflage im Hause zu behalten. Man muss aber hinzufügen, dass auch schon zuvor Wörter nicht rot markiert waren, wenn sie erst nach Inkrafttreten der Rechtschreibreform aufgenommen worden waren, etwa Wellness, das man nach alter Rechtschreibung Wellneß (analog zu Fitneß) hätte schreiben müssen. Dennoch erscheint einem der Verzicht auf die Ausweisung der Neuschreibungen mit Blick darauf, dass einige der neuen Schreibweisen wie die Zusammenschreibung von abhandenkommen erst 2006 beschlossen wurden, als deutlich verfrüht. Beibehalten wurden jedoch die gelb markierten Duden-Empfehlungen.

Fast schwerer jedoch wiegt der Verzicht darauf, die neuen Worttrennungen rot zu markieren. Da die neuen Trennmöglichkeiten fast ausnahmslos der etymologisch korrekten Trennung des Wortes zuwiderlaufen, konnte man in diesem Bereich die Rotmarkierungen gut als Warnung gebrauchen, wie man auf keinen Fall trennen sollte. In der neuen Auflage haben die Trennmarkierungen hingegen fast jeden Nutzwert verloren, da sie Trennmöglichkeiten praktisch an jeder Stelle des Wortes angeben, wo man auch intuitiv getrennt hätte. Einträge wie »Sub|s|tanz« nutzen allenfalls denjenigen, die auch »Su|bstanz« oder »Subst|anz« für möglich gehalten hätten, geben aber keinen Hinweis auf die etymologisch einzig korrekte Trennung »Sub|stanz«.

Fazit: Der Duden Band 1 ist weiterhin empfehlenswert, wenn es darum geht, den aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung in nachschlagbarer Form präsent zu haben. Wem eine Kennzeichnung der Neuschreibungen sowie etymologisch korrekter Worttrennungen wichtig ist, der ist hingegen mit dem fast zeitgleich erschienenen und nebenbei auch preiswerteren »WAHRIG – Die deutsche Rechtschreibung« (Amazon-Link) besser bedient.

Duden (Band 1) – Die deutsche Rechtschreibung
Gebunden, 1216 Seiten, 25. Auflage 2009

Bei Amazon (26. Auflage):

Julian von Heyl am 06.02.11 | Kommentare (4) | Visits: 7260

Rubrik Rezensionen:

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Kommentare

1  Marion Kümmel

Ob eine Schreibung bzw. Trennung als »korrekt« angesehen wird, ist doch nur eine Frage der Konvention. Welchen Vorteil hätte denn eine morphematische Trennung von Fremdwörtern?

Bereits nach der amtlichen Regelung der Rechtschreibung von 1901 heißt es im Duden (7. Aufl., 1902):

»Erkennt man die Bestandteile von Fremdwörtern nicht, so richte man sich nach den Regeln unter 1a und b.« (Das sind die Konsonantenregeln für einfache Wörter.)

Alles andere hat die Duden-Redaktion später hinzugefügt.

Geschrieben von Marion Kümmel am 06.02.11 16:41

2  Julian von Heyl

Die von dir zitierte Regel findet im Paragrafen 113 des aktuellen Regelwerks durchaus ihre Entsprechung. Aber was macht man, wenn man die Bestandteile von Fremdwörtern nicht erkennt, sich aber darüber schlaumachen wíll? Man greift zu einem Wörterbuch. Dumm nur, wenn darin die Worttrennungen nach der Hilfsregel den morphematischen Worttrennungen unterschiedslos gleichgestellt sind.

Geschrieben von Julian von Heyl am 06.02.11 17:10

3  Marion Kümmel

»Aber was macht man, wenn man die Bestandteile von Fremdwörtern nicht erkennt, sich aber darüber schlaumachen will?«

Ein Herkunftswörterbuch benutzen. Die Worttrennung am Zeilenende hat m.E. in erster Linie eine grafische Funktion. Wer die Bestandteile von Suffigierungen erkennen will, muss doch (für deutsche und fremde Wörter) auch woanders nachschlagen.

Geschrieben von Marion Kümmel am 06.02.11 18:02

4  Rolf Landolt

Danke, frau Kümmel!
Rolf Landolt, www.rechtschreibreform.ch

Geschrieben von Rolf Landolt am 06.02.11 21:05

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