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Rezensionen

Duden, Band 1: Die deutsche Rechtschreibung (2006)

duden2006.jpgObgleich im Dudenverlag eine stetig voranschreitende Produktdiversifikation unterdessen eine ganze Reihe von Wörterbüchern, Lernhilfen und elektronischen Produkten gezeitigt hat, ist und bleibt der erste Band der Duden-Reihe, "Die deutsche Rechtschreibung", das Aushängeschild, an dem alle anderen Produkte gemessen werden und welches landläufig einfach nur als "der Duden" bezeichnet wird.

Die neue Auflage kann natürlich nicht losgelöst von der immer noch aktuellen Diskussion um die neue Rechtschreibung und insbesondere von der Modifizierung des amtlichen Regelwerks durch die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung betrachtet werden. Und obgleich dessen Arbeit durchaus noch nicht beendet ist, sondern auf Wunsch der Kultusminister nur auf gut der Hälfte des Weges unterbrochen wurde, schlägt Dr. Matthias Wernke, Leiter der Dudenredaktion, auf einem Einlegeblatt optimistische Töne an und zeigt sich überzeugt, dass "die Rechtschreibreform nach langen und heftigen Auseinandersetzungen als abgeschlossen betrachtet werden" kann. "Aus der Sicht der Dudenredaktion" sei "jetzt die von ihr geforderte Sicherheit in Fragen der Orthografie wiederhergestellt".

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"Orthografie" oder nicht doch lieber "Orthographie"? Ein Blick in den Duden zeigt eine der wichtigsten Neuerungen: Sind für ein Wort oder einen Ausdruck mehrere Schreibweisen möglich, so gibt der Duden mit gelber Markierung eine eindeutige Empfehlung ab. Womit auch gleich klargestellt ist, wie die "Sicherheit in Fragen der Orthografie" zu verstehen ist: Dahingehend nämlich, dass sich doch bitte einfach alle an die Empfehlungen der Dudenredaktion halten mögen. Immerhin: Viele Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sowie Nachrichtenagenturen, darunter auch die bislang renitente Springer-Presse, haben zugesichert, genau dies zu tun.

Leider macht es sich der Duden bei seinen Empfehlungen oft ein wenig einfach, beharrt beispielsweise auf der Grundregel, dass zwei Verben getrennt geschrieben werden (die Ausnahme kennenlernen wird nicht näher begründet). Die vorgenommenen Differenzierungen des Rechtschreibrats zurück zum Status quo der Vorreformzeit – die beispielsweise wieder eine Unterscheidung zwischen sitzenbleiben in der Schule und sitzen bleiben in der Kirche ermöglichen – werden zugunsten des Simplifizierungsprinzips ignoriert: Der Duden empfiehlt, in welcher Bedeutung auch immer, nur "sitzen bleiben". Genauso sieht es bei der vom Rat empfohlenen Zusammenschreibung von Verben mit Ergebniszusätzen (etwas kleinschneiden, blankputzen, feinhacken) aus, wo der Duden ebenfalls durch die Bank die Getrenntschreibung propagiert, dann aber wieder eine Ausnahme bei übertragener Bedeutung macht, was teils zu abstrusen Ergebnissen führt: So können sich Sportler nur warm laufen, Gesprächspartner sich aber im Gespräch warmlaufen, indes man Motoren wiederum warm laufen lässt, während man vielleicht am Gartenzaun steht, um mit seinem Nachbarn wahlweise warmzuwerden (Duden-Empfehlung) oder warm zu werden (Reformschreibweise).

Die genannten Vereinfachungen und einige Widersprüche bei den Empfehlungen – etwa kaputt machen, aber kaputtsparen, nahe liegend, aber fernliegend – zeigen Verbesserungspotenzial auf, da sie teilweise dem tatsächlichen und intuitiven Sprachgebrauch entgegenlaufen. Insgesamt stellen die Empfehlungen aus der Dudenredaktion aber eine respektable Hilfe dar, auch wenn das Standardwerk dadurch teils ein wenig sehr buntscheckig erscheint: Einträge sind schwarz (herkömmliche Schreibung) oder rot (neue Schreibung) gefärbt und dann gelb markiert oder eben nicht. Gewünscht hätte man sich – wennschon, dennschon – eine noch etwas differenziertere Kennzeichnung von alt (vor 1996), neu (1996 bis 2006, vielleicht rosa?) und ganz neu (ab 2006), denn so nimmt man zwar erleichtert zur Kenntnis, dass man wieder "Es tut mir leid" schreiben darf, das rote "leidtun" gibt aber keinen Aufschluss über die frühere Schreibung bzw. darüber, dass vor 1996 "leid tun" und in der unseligen Zwischenphase "Leid tun" als richtig galt – die Kleinschreibung des nachgestellten "leid" wurde quasi mit der Zusammenschreibung erkauft.

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Immerhin: Die Empfehlungen folgen nicht zwingend der Rechtschreibreform, manche schlecht angenommenen und als hässlich empfundenen Schreibweisen wie "aufwändig" werden zwar notgedrungen aufgeführt, die gelbe Markierung erhält aber das althergebrachte "aufwendig". So ist zu hoffen, dass so manche durch Nicht-Empfehlung abgestrafte Schnapsidee der Reformer (etwa auch "Recht haben", "so genannt" und "heute Früh") bald der Gnade des kollektiven Vergessens anheimfällt, und man verzeiht dann auch die Präferenz der Mannheimer für das – immerhin vertretbare – "selbstständig" anstelle von "selbständig" (in der CD-ROM-Version findet sich als kleines Versehen eine doppelte Empfehlung für "nicht selbstständig" und "nicht selbständig").

Im Bereich der Worttrennung ist man glücklicherweise von der Trennung einzelner Buchstaben wieder abgerückt, so dass die Sitze-cke oder die Homoe-he der Vergangenheit angehören. Allerdings hätte man sich auch hier eindeutige Dudenempfehlungen hin zu etymologisch korrekten Trennungen gewünscht. Einstweilen kann man sich damit behelfen, alle rot markierten (neuen) Trennstellen einfach als Anti-Empfehlung zu verstehen, um seine Texte nicht mit Peinlichkeiten wie "Subs-tanz" oder "Inte-resse" zu ruinieren.

Es gäbe noch vieles zu kritisieren, das meiste davon liefe aber eher auf eine Kritik an der Rechtschreibreform hinaus – etwa der fatale Hang, alles, was nicht eindeutig einer anderen Wortart zuzuordnen ist, zum Substantiv zu erklären – und ist weniger der Dudenredaktion anzulasten, die letztlich auch nur versuchen konnte, aus teils widersprüchlichen Vorgaben das Beste zu machen. Festzuhalten ist, dass der Duden 2006, mit 1216 Seiten umfangreich wie nie (Vorgänger: 1152 Seiten), ein Nachschlagewerk geworden ist, das typografisch sehr gut gestaltet wurde und in dem man sich auf Anhieb gut zurechtfindet. Besonders heikle Zweifelsfälle werden in blau unterlegten Kästen näher erklärt, und wo notwendig, findet man einen Seitenverweis auf das vorne abgedruckte erläuterte Regelwerk. Des Weiteren finden sich an dieser Stelle auch einige Schwerpunktartikel wie "Textverarbeitung und E-Mails" oder "Gestaltung von Geschäftsbriefen".

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130.000 Stichwörter umfasst der Duden jetzt, 5.000 sind seit der letzten Auflage hinzugekommen, etwa Neologismen der Internetgemeinde wie voipen oder bloggen. Aufgenommen wurden allerdings auch Banalitäten wie der "Publikumsjoker" (aus "Wer wird Millionär?") und Obskuritäten wie das "Auflaufkind" (Kind, das einen Fußballer beim Auflaufen aufs Spielfeld begleitet) oder die "Brötchentaste" (Taste am Parkautomaten für kurzzeitiges kostenloses Parken), ferner selbstverständliche Zusammensetzungen wie "Lifestylemagazin".

Wie sein Vorgänger ist der Duden wahlweise als Buch, als CD-ROM oder als Buch mit CD-ROM zu haben, wobei die Preisgestaltung natürlich die Wahl des Kombiprodukts nahelegt. Bei diesem ist zwar nur die abgespeckte "Express"-Version der "Office-Bibliothek" enthalten, diese dürfte aber für die meisten Zwecke ausreichen, die Unterschiede beschränken sich auf ein paar Feinheiten in den Sucheinstellungen. Bitterer ist, dass sich die CD-ROM nicht mehr in die bewährte "PC-Bibliothek" eingliedern lässt, man ist zum Update auf die "Office-Bibliothek" gezwungen, welche im Gegensatz zum Vorgänger und im Widerspruch zu ihrem Namen keine Hotkey-Integration in MS Office und andere Windows-Anwendungen bietet, sondern lediglich eine Drag-and-drop-Funktion, bei der man zunächst auf ein Fadenkreuz klicken und dieses dann bei gedrückter Maustaste auf das gewünschte Wort ziehen muss, woraufhin dann ein Pop-up-Fensterchen mit dem ersehnten Eintrag aufklappt – eine mühsame und fummelige Lösung und ein eindeutiger Rückschritt; hier besteht dringender Nachbesserungsbedarf. Versöhnt wird man dann wieder mit durchdachten Details wie einer Seitenleiste, in der automatisch die passende Regel zu einem Begriff erscheint.

Den Duden an dieser Stelle zu empfehlen, ist müßig – er ist nach wie vor für jeden unverzichtbar, der sich beruflich oder privat intensiver mit Texten und Sprache befasst. Für kommende Auflagen zu wünschen wäre eine kritische Überarbeitung der Duden-Empfehlungen weg vom Prinzip der simpelsten Erlernbarkeit hin zu einer Differenziertheit, die die tatsächlichen Nuancen der deutschen Sprache stärker berücksichtigt. Vor allem aber ist zu wünschen, dass der Rechtschreibrat seine Arbeit fortsetzt und diese in einigen Jahren in eine Duden-Ausgabe mündet, in der dann auch die verbliebenen Zweifelsfälle und Ärgernisse der Rechtschreibreform endlich ohne Wenn und Aber beseitigt sind.

DUDEN, Band 1:
Die deutsche Rechtschreibung
2006, 24. Auflage, Dudenverlag
Buch / CD-ROM / Buch + CD-ROM

Hinweis: Diese Besprechung bezieht sich auf eine ältere Auflage. Um meine Kritik der aktuellen Ausgabe des Bands 1 der Dudenreihe zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Julian von Heyl am 29.08.06 | Kommentare (0) | Visits: 16882

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