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WAHRIG: Die deutsche Rechtschreibung (2006)

wahrig2006.jpgWie der Duden versucht auch der Wahrig in seinen Werbeaussagen den Eindruck zu erwecken, das letzte Wort in Sachen Rechtschreibreform sei nun endlich gesprochen. "Endlich Sicherheit!" prangt groß auf der Bauchbinde des in Umfang und Stichwortanzahl etwa mit dem Duden vergleichbaren Nachschlagewerks. Etwas kleiner geschrieben findet sich dann immerhin die den tatsächlichen Sachverhalt sehr viel besser treffende Formulierung: "Auf dem aktuellen Stand der amtlichen Rechtschreibregelung." Im Gegensatz zu den Mannheimern verzichtet man auf eine Auflagennummerierung und spricht lediglich von der "Ausgabe 2006" des Standardwerks, welches 1973 erstmals als "Knaurs Rechtschreibung", herausgegeben vom Lexikographischen Institut München und verfasst von Ursula Hermann, erschien.

Gegenüber dem doch reichlich bunt geratenen neuen Duden wirkt das Druckbild des Wahrig schon fast wohltuend schlicht, zwar sind auch hier Neuschreibungen markiert, jedoch weniger aufdringlich in Blau. Vor allem aber verzichtet der Wahrig weitgehend auf plakative Empfehlungen. Zwar hat man, um mit dem Duden wenigstens formal gleichzuziehen, hastig einige Tipp-Infokästen eingestreut, doch sind dies nur wenige Dutzend – rein quantitativ konnte man hier offenbar schon aus Zeitgründen nicht mit dem Duden konkurrieren, wollte man doch um jeden Preis zuerst erscheinen.

[Unterdessen hat die Wahrig-Redaktion hier nachgearbeitet und mit "WAHRIG: Ein Wort – eine Schreibung" einen selbstbewusst als "WAHRIG-Hausorthografie" betitelten "orthographischen Wegweiser für eine einheitliche und stringente Rechtschreibung" herausgebracht. Dass Hausorthografien eigentlich eher mit Beliebigkeit als mit Sicherheit in Verbindung gebracht werden, nimmt man hierbei in der Hoffnung, verbindliche Kompetenz ausstrahlen zu können, offenbar in Kauf.]

Die Infokästen bemühen sich immerhin um eine Erklärung eigentlich selbstverständlicher Dinge wie etwa der Zusammenschreibung von "kennenlernen". Der Anfang liest sich noch leicht tautologisch: "Von der Grundregel, dass zwei Verben voneinander getrennt geschrieben werden, stellt kennen lernen / kennenlernen insofern eine Ausnahme dar, als man auch zusammenschreiben darf." Weiter heißt es dann: "Die Zusammenschreibung ergibt sich aus der Verwendung in einer neuen, übertragenen Bedeutung, die dann vorliegt, wenn sich die Gesamtbedeutung einer Verbindung nicht aus den Bedeutungen ihrer Einzelbestandteile erschließen lässt: Endlich konnte ich die Sehenswürdigkeiten Roms kennen lernen / kennenlernen (= sie persönlich erleben)."

Es leuchtet ein: Im Gegensatz zu "schwimmen lernen", wo man das Schwimmen lernt, lernt man bei "kennen lernen" eben nicht das Kennen. Jedoch hätte man sich an solchen Stellen noch etwas verbindlichere Formulierungen gewünscht und ein deutliches Abraten von der unsäglichen Form "kennen lernen", die ja offenbar nur noch aus Gründen der "Abwärtskompatibilität" mitgeschleift wird. Und gerade bei Varianten, wo eine Empfehlung bitter nötig wäre, etwa bei den zu Recht bespöttelten Auseinanderschreibungen mit "wohl" ("ein wohl durchdachter Plan"), schweigt der Wahrig.

bis 1996 1996 bis 2004 2004 bis 2006 seit August 2006
bankrott gehen Bankrott gehen Bankrott gehen bankrottgehen
pleite gehen Pleite gehen Pleite gehen pleitegehen
leid tun Leid tun Leid tun
oder leidtun
leidtun

Tabelle: korrekturen.de

Ähnliche rhetorische Klimmzüge werden unternommen, um die nicht wiederhergestellten, sondern gänzlich neuen Zusammenschreibungen bankrottgehen, pleitegehen bzw. das schon 2004 eingeführte, jetzt aber ausschließlich geltende leidtun zu erklären, eher willkürliche Vehikel, mit denen immerhin die Kleinschreibungen "Es tut mir leid" oder "Er ging pleite" gerettet werden konnten. Bei den Empfehlungen zur Zusammen- oder Auseinanderschreibung folgt man weitgehend dem Dudenkurs, bei übertragener Bedeutung zusammen- und bei konkreter Bedeutung auseinanderzuschreiben. Was teilweise zu drolligen Erklärungen führt: "Wenn sich nicht klar entscheiden lässt, ob die Fügung in übertragener oder konkreter Bedeutung gebraucht wird, kann zusammen- oder getrennt geschrieben werden: Wenn die Nerven bloßliegen / bloß liegen ..." Dass Nerven konkret nur (im besten Fall) bei Operationen bloß liegen, scheint der Wahrig-Redaktion nicht aufgefallen zu sein. Auf diese Weise wird oft in den Baukasten der Standardformulierungen gegriffen, ohne auf das einzelne Beispiel wirklich einzugehen.

Man kann die weitgehende Abwesenheit von Empfehlungen negativ, aber auch positiv sehen: Unerfahrene Schreiber, die sich im Irrgarten der erlaubten Möglichkeiten nicht aufgrund des eigenen Sprachgefühls zurechtfinden, sind beim Duden sicher besser aufgehoben, auf der anderen Seite geht man so auch nicht Willkürlichkeiten der Dudenredaktion auf den Leim, etwa der Marotte, bei Verbindungen aus zwei Verben generell die Auseinanderschreibung zu empfehlen. Im Wahrig findet man stattdessen direkt die entsprechenden Schreibungen als Stichwörter, etwa "sitzenbleiben" (in der Schule) oder "sitzenlassen" (jdn. im Stich lassen), dieses überraschenderweise gleich ein zweites Mal in der Bedeutung "Er wollte das nicht auf sich sitzenlassen".

wahrig_digital.jpg

Auch den Wahrig gibt es als CD-ROM, unter der Oberfläche WAHRIG digital lassen sich dann auch noch die WAHRIG-Bände Deutsches Wörterbuch, Fremdwörterlexikon und Synonymwörterbuch einbinden. Sowohl optisch als auch technisch ist diese Software der etwas hausbacken wirkenden Duden-Oberfläche "Office-Bibliothek" deutlich überlegen, auch die Hotkey-Integration in andere Programme ist besser gelöst, da man jederzeit zwischen minimiertem Taskleisten-Tool und Hauptprogramm hin- und herspringen kann, während die Office-Bibliothek und die dazugehörige Direktsuche zwei getrennte Programme sind, die auch separat gestartet werden müssen. Für die Office-Bibliothek spricht hingegen, dass sie auch für Mac OS und für Linux erhältlich ist.

Im allgemeinen Teil findet sich nicht nur – wie im Duden auch – das amtliche Regelwerk abgedruckt, erfreulicherweise gibt es unter der Überschrift "Was ist neu?" auch eine ausführliche Gegenüberstellung der aktuellen Neuerungen zu den Schreibweisen von 2004. Hinzu kommen eine kleine Grammatik, Deklinations- und Konjugationstabellen sowie weitere nützliche Service-Seiten.

Ob man im Rechtschreiballtag jetzt mit dem Duden oder mit dem Wahrig die bessere Wahl getroffen hat, lässt sich schwer sagen. Beides sind hochprofessionelle, kompetent und aufwendig gestaltete Verlagsprodukte, die den aktuellen Stand der Rechtschreibung – mit all seinen Widersprüchlichkeiten – adäquat widerspiegeln. Legt man auf eindeutige Empfehlungen Wert, wird man sicher zum Duden greifen, ist vor allem schneller Zugriff via Computer gefragt, hat der elektronische Wahrig mit seiner überzeugenderen Programmoberfläche nach Meinung des Rezensenten die Nase vorn. Letztlich läuft es auf eine Frage von Geschmack, persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten hinaus, vergleichbar der Entscheidung zwischen Mercedes-Benz und BMW. Arbeitet man professionell mit Texten, sollte man ohnehin beide Werke im Haus haben.

WAHRIG:
Die deutsche Rechtschreibung
2006, Wissen Media Verlag
Buch / CD-ROM

Julian von Heyl am 22.12.06 | Kommentare (1) | Visits: 21449

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Kommentare

1  Gunhild Simon

Auch ich habe mit der Begründung, daß es beim Kennenlernen um etwas qualitativ anderes geht als beim Erlernen einer Fertigkeit, nämlich darum, sich näher mit einer Sache auseinanderzusetzen oder Erfahrungen damit zu machen, für die Zusammenschreibung plädiert.

Nun habe ich jedoch bei Schriftstellern, auf deren Vorbild ich viel gebe - z. B. bei Thomas Mann - gesehen, daß gerade diese Verbverbindung konsequent auseinandergeschrieben wird.

Das hat mich zögern lassen, so strikt auf dem Ergebnis meiner Überlegung zusammenzuschreiben zu bestehen.

Gunhild Simon

Geschrieben von Gunhild Simon am 26.12.10 09:52

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