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Kurz erklärt

Die Sache mit dem Eszett

Mein Freund Matthias war ganz aufgelöst: Seine neue Flamme hatte ihm den Laufpass gegeben. »Dabei haben wir noch heiße SMS ausgetauscht!«, jammerte er und zeigte mir zum Beweis sein letztes elektronisches Liebesbekenntnis. »Ich liebe deine Masse«, stand da. Ich seufzte.

Nicht immer hat die kleine Verwechslung von ss und ß so gravierende Folgen wie Matthias‘ Lob der Maße seiner Freundin, das so gründlich missverstanden wurde. Manchmal sind es auch nur kleinere Irritationen, die wohl jeder Schweiz-Urlauber kennt, der schon staunend vor Schildern wie »Autos Durchfahrt verboten – Busse 100 Franken« gestanden hat. Autos dürfen nicht durch, Busse aber schon, sofern der Busfahrer 100 Franken zahlt? Dass hier tatsächlich eine Buße, ein Strafgeld, gemeint ist, wird eben nur hierzulande durch die unterschiedliche Schreibweise deutlich.

Das ß, eigentlich kein Buchstabe, sondern eine sogenannte Ligatur, eine Verschmelzung aus ss, hat wohl für die augenfälligsten Veränderungen gesorgt, die die Rechtschreibreform mit sich brachte: Zuvor galt die sogenannte Adelung’sche s-Schreibung, die zum einen nach gedehnten Vokalen und nach Diphthongen (Doppelvokale wie »ei« oder »au«) ein ß vorsah, zum anderen aber auch am Ende einer Silbe oder vor einem Konsonanten. So hieß es früher »müssen«, aber »mußte«. Mit der Neuregelung der Rechtschreibung fiel die zweite Bedingung komplett weg, scheinbar eine Erleichterung: Denn jetzt müssen wir »nur noch« entscheiden, ob ein Vokal kurz gesprochen wird (zum Beispiel »Kuss«) oder lang (»Gruß«) oder ob ein Diphthong vorliegt (»außer«, »beißen«).

Allerdings hat die Sache einen Haken. Um die Regel richtig anwenden zu können, muss man auch wissen, wo vor der Rechtschreibreform ein ß gesetzt wurde, und die Ausnahmen kennen, wo stattdessen ein einfaches s hinkommt: Dies ist etwa der Fall bei Wörtern, die auf -nis enden: Ärgernis, Ergebnis, Kenntnis, Zeugnis. Und wir müssen trotz identischer Aussprache wissen, dass das Essen zwar »Grieß«, ein mürrischer Mensch hingegen »Griesgram« geschrieben wird. Schließlich: Wer schon vor der Neuregelung Schwierigkeiten hatte, »daß« und »das« auseinanderzuhalten, der wird nunmehr auch mit »dass« und »das« seine Schwierigkeiten haben. Ein ss, wo nach der Regel »langer Vokal oder Diphthong« ein ß zu erwarten wäre, gibt es hingegen nur bei ganz wenig Fremdwörtern – etwa der »Baisse« und der »Hausse« an der Börse – und bei Wörtern, die Eigennamen enthalten: Bekanntes Beispiel ist die »Litfaßsäule«, die eben nicht so heißt, weil ihre Form an ein Fass erinnert, sondern weil sie von einem Herrn Ernst Litfaß erfunden wurde.

Die zunehmende Globalisierung sorgt überdies dafür, dass das ß insbesondere bei Werbetreibenden und in der Geschäftswelt mehr und mehr in Ungnade fällt: »20 % auf alles – ausser Tiernahrung«, wirbt etwa ein bekannter Baumarkt, und so manches Unternehmen lässt sich eine »Strasse« auf die Visitenkarten schreiben oder schließt in seinen Briefen »mit freundlichen Grüssen«, weil man den amerikanischen Geschäftsfreunden offenbar kein rätselhaftes ß zumuten will. Oder eben schlicht aus Unkenntnis: Denn Umfragen ergeben immer wieder, dass erstaunlich viele Deutsche der Meinung sind, die Rechtschreibreform habe das ß gänzlich abgeschafft. Was schade wäre, denn, Hand aufs Herz: Irgendwie haben wir das kauzige und sperrige Eszett doch auch liebgewonnen.

Julian von Heyl am 20.08.09 | Kommentare (1) | Visits: 4867

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Die deutsche Sprache ist gespickt mit Fallstricken. Hier gehen wir auf ausgewählte Problemfälle ein und liefern kurze Erklärungen und Definitionen zu Schreibweise, Grammatik und praktischer Anwendung.

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Kommentare

1  Friederich

Das ß könnte nicht so aussehen, wie es dies nun einmal tut, wenn es eine Ligatur aus s und s wäre. Tatsächlich ist es eine Ligatur aus s und z, genaugenommen aus dem Lang-s der Fraktur und dem Fraktur-z mit Unterlänge, also aus ſ und ʒ (ſʒ). Die seit 1903 offizielle »Sulzbacher Form« des ß stellt das deutlicher dar als einige heute gebräuchliche Nebenformen, die man tatsächlich für eine ſs-Ligatur halten könnte. Schließlich sagt ja auch schon der Name, daß es sich um einen ſ-und-ʒ-Verbund handelt.

Geschrieben von Friederich am 19.06.10 23:33

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