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Nachgefragt

alles stehen und liegen lassen

Schon seit mehreren Jahren pflege ich eine E-Mail-Korrespondenz mit Herrn Dr. Scholze-Stubenrecht, dem stellvertretenden Leiter der Dudenredaktion, in der es hauptsächlich um Zweifelsfälle rund um die Orthografie und Grammatik der deutschen Sprache geht. So ist häufig bei Verbindungen aus Verb + Verb mit »bleiben« oder »lassen« die Abgrenzung ein Problem, ob eine wörtliche oder eine übertragene Bedeutung vorliegt – in letzterem Fall kann die Verbverbindung auch zusammengeschrieben werden.

Frage:
Die Regel zu »liegen lassen« und ähnlichen Fällen wie »liegen bleiben«, »stehen lassen« lautet ja verkürzt: »Bei wörtlicher Bedeutung nur Getrenntschreibung, bei übertragener Bedeutung kann getrennt oder zusammengeschrieben werden«. Nun sinne ich über die Floskel »alles stehen und liegen lassen« nach, was bekanntlich formelhaft für »überstürzt aufbrechen« steht. Ist das nun schon eine übertragene Bedeutung? Meinem Sprachempfinden nach überwiegt hier das wörtliche Verständnis (im Sinne der Übertreibung auch dann, wenn man entgegen der Aussage doch dieses oder jenes mitnimmt), so dass ich hier nur die Getrenntschreibung gelten lassen würde, also »alles stehen und liegen lassen« und nicht »alles stehen- und liegenlassen«. Dies insbesondere, da durch die Wortpaarkonstruktion die tatsächlichen räumlichen Möglichkeiten explizit abgedeckt sind: Das, was steht, lässt man stehen, und das, was liegt, lässt man liegen. Wie sehen Sie das?
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Auch ich denke, dass hier die Getrenntschreibung aus den von Ihnen genannten Gründen die bessere Lösung ist, aber man kann vermutlich eine andere Interpretation nicht eindeutig ausschließen. Wer davon ausgeht, dass »stehenlassen« ebenso wie »liegenlassen« generell für »nicht mitnehmen« (ohne konkrete Lagebezeichnung) gebraucht werden darf, der wird auch deren Zusammenfassung zu »alles stehen- und liegenlassen« als korrekt ansehen. Das Kriterium der Idiomatisierung ist leider im wirklichen Leben nicht immer so trennscharf, wie man sich das bei der Regelanwendung wünschen würde.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Dudenredaktion

Julian von Heyl am 25.08.09 | Kommentare (0) | Visits: 6919

Rubrik Nachgefragt:

Auch die Fachliteratur hilft nicht mehr weiter? Wir haben nachgefragt und kompetente Antwort erhalten: Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion, klärt grammatische und orthografische Zweifelsfälle. Unser Tipp: Schnelle Telefonauskunft erhalten Sie bei der Duden-Sprachberatung.

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