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Nachgefragt

Wen, glaubst du, habe ich getroffen?

Einschübe trennt man vom restlichen Satz ab – durch Klammern, Gedankenstriche oder zwei Kommata. Doch nicht immer ist auf den ersten Blick ersichtlich, ob es sich überhaupt um einen Einschub handelt. Um einen solchen Fall geht es diesmal in »Nachgefragt«.

Frage:
in den Dudenwerken finden sich Textbeispiele wie: »Was meinst du, wen ich getroffen habe?«; oder: »Was denken Sie, wen Sie vor sich haben?« Hier ist die Kommasetzung recht klar. Insbesondere in umgangssprachlich gefärbten Texten finden sich aber häufig auch Konstruktionen, bei denen kein zweites Interrogativpronomen folgt, etwa:

Wen[,] glaubst du, habe ich getroffen?
Was[,] denken Sie, sollen wir machen?

Hier bin ich mir über die grammatische Struktur und somit auch über die Kommasetzung unsicher. Ist »glaubst du« bzw. »denken Sie« als Einschub anzusehen und somit mit zwei Kommata abzutrennen? Dafür spräche, dass beim Weglassen die eigentliche Frage übrigbliebe (»Wen habe ich getroffen?«). Auf der anderen Seite scheinen mir hier typische Merkmale eines Einschubs nicht erfüllt, insbesondere dessen Eigenständigkeit. Wissen Sie Rat?
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Die Eigenständigkeit des Einschubs wäre auch in anderen Fällen wie etwa »Sein Vater, behauptete er immer, habe den Kaiser persönlich gekannt« nicht gegeben. Nach meiner Auffassung handelt es sich trotzdem um einen in Kommas einzuschließenden Einschub, den man sich auch in Klammern vorstellen könnte. In der Schreibpraxis scheint nach meiner Beobachtung die Schreibung ohne das erste Komma sehr häufig zu sein, aber ich kenne keine Regel, die das explizit rechtfertigen würde.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion

Julian von Heyl am 08.09.15 | Kommentare (2) | Visits: 8243

Rubrik Nachgefragt:

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Kommentare

1  Georg Ruf

Besonders beim ersten Beispiel ist klar, dass doppelt Komma gesetzt werden muß, denn: wen glaubst Du ergäbe einen anderen Sinn wie etwa: wen glaubst Du hier (Elipse zu sein). Im Übrigen wird oftmals ein zweites Komma weggelassen, wo es nötig, oder gesetzt, wo es nicht nötig, weil ein Einschub oder Apposition nicht richtig erkannt worden ist.

Geschrieben von Georg Ruf am 08.01.18 21:26

2  Hans Trulli

Die Unsicherheit rührt ja daher, dass gewisse Pronomen (z. B. was), Nomen im Nominativ (z. B. Mann!) und Verben im Imperativ (z. B. komm!) mit interjektivem Charakter und alle restlichen Interjektionen (z. B. ach!) am Satzanfang im mündlichen Sprachgebrauch häufig sowohl mit als auch ohne Sprechpause ausgedrückt werden können. Je nach Variante, Sprechsituation, Emphatisierungswunsch, Folgekonstruktion etc. variiert die Präferenz für einen Ausdruck mit oder ohne distinktive Pause. Das kennt jede und jeder aus kommunikativen Alltagssituationen. Prominentes Beispiel von Kinski: "Komm leck mich doch am Arsch, Mensch!" Wollen wir den Lautstand und die Expressivität seiner mündlichen Ausdrucksweise möglichst fidel in der Schriftsprachlichkeit abbilden - die Intonation und ihre, etwas salopp gesagt, suprasegmentale Bedeutung ist nun mal mit oder ohne Komma nicht identisch -, ist die Setzung eines Kommas nicht unbedingt angezeigt, wenn man denn die eine Ausdrucksweise von einer alternativen mit Sprechpause abgrenzen möchte. Wollen wir möglichst schriftnormorientiert abbilden, die einer logischen Gliederung der Syntax den Vorrang gibt, so höre man auf die weisen Ratschläge der Duden-Redaktion. Meines Erachtens gibt es hier kein richtig oder falsch, nur zwei berechtigte und gleichwertige Möglichkeiten. Es ist mehr eine Frage des lautlichen Fidelitätswillens, ob man im Einzelfall für oder gegen eine Setzung des Kommas optiert. Eine lebendige Sprache besteht nicht nur aus einem Inventar bereits fixierter Regel. In diesem Sinne, au revoir les enfants !

Geschrieben von Hans Trulli am 05.03.19 16:42

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