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Nachgefragt

Brenn-Nessel-Salat

Bekanntlich wurde die frühere Regel, dass unter bestimmten Voraussetzungen beim Aufeinandertreffen dreier Konsonanten der dritte entfällt, mit der Rechtschreibreform aufgehoben: Aus dem »Stilleben« wurde das »Stillleben«, aus der »Brennessel« die »Brennnessel«. Da daraus oft leseunfreundliche Verbindungen resultieren, ließen die Reformer in solchen Fällen ausdrücklich auch die Bindestrichschreibweise zu: »Still-Leben« oder »Brenn-Nessel«. Das trieb mich zur nachfolgenden Frage an Herrn Dr. Scholze-Stubenrecht.

Frage:
Ein zugegebenermaßen tendenziell eher akademisches Problem: Kann man aus den Schreibungen »Brennnessel« und »Brenn-Nessel« folgern, dass neben der Schreibung »Brennnesselsalat« auch die Schreibung »Brenn-Nessel-Salat« als dudenkonform anzusehen wäre? Die Schreibung »Brenn-Nesselsalat« ist sicher nicht korrekt (vgl. »E-Mailadresse«). Oder ist es vielmehr so, dass sich von den beiden Varianten »Brennnessel« und »Brenn-Nessel« nur die erste zur Bildung weiterer Komposita eignet, so dass »Brenn-Nessel-Salat« regelrecht als falsch anzusehen wäre?

Natürlich ist auch die Schreibweise »Brennnessel-Salat« möglich, das hat aber meines Erachtens mit dem geschilderten Problem nichts zu tun, denn dass man zur Hervorhebung von Wortbestandteilen in Komposita immer auch Bindestriche verwenden kann, bleibt einem ohnehin unbenommen (in Rezepten begegnet einem oft der »Gurken-Salat«).
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Aus dem Wortlaut des § 44 im amtlichen Regelwerk kann man durchaus ableiten, dass eine Schreibung wie »Brenn-Nessel-Salat« zulässig wäre. Besonders sinnvoll finde ich die Durchkoppelung hier allerdings nicht, und ich bin auch nicht sicher, ob diese Auslegungsmöglichkeit von den Verfassern der Regel gewollt wurde.

Weiterhin habe ich in den amtlichen Regeln keinen Hinweis darauf gefunden, dass lesehemmende Schreibungen wie »Brenn-Nesselsalat« oder »Küstenschiff-Fahrt« als falsch anzusehen seien. Wir haben im Duden dazu bei K 22* eine eigene allgemeine Empfehlung** gegeben, aber das amtliche Regelwerk geht wohl davon aus, dass die Schreibenden Widersinniges von selbst vermeiden und man nicht jedes Detail vorschreiben muss. Jedenfalls würde ich immer nur die Schreibweisen »Brennnesselsalat« oder »Brennnessel-Salat« empfehlen.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Dudenredaktion

———
* K 22: »Man kann einen Bindestrich in unübersichtlichen Zusammensetzungen setzen.«
** Die Empfehlung lautet: »Dabei sollte der Bindestrich eine Haupttrennfuge markieren – Flüssigwasserstoff-Tank (nicht: Flüssigwasser-Stofftank oder Flüssig-Wasserstofftank).«

Julian von Heyl am 27.08.09 | Kommentare (6) | Visits: 7203

Rubrik Nachgefragt:

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Kommentare

1  rrbth

> Schreibung wie „Brenn-Nessel-Salat“ zulässig wäre.

Ähnliches gilt für „Press-Span-Platte“.

> dass lesehemmende Schreibungen wie „Brenn-Nesselsalat“ oder
> „Küstenschiff-Fahrt“ als falsch anzusehen seien.

Wann wäre es bei der RSR jemals um lesefreundliche Schreibungen gegangen?

> das amtliche Regelwerk geht wohl davon aus, dass die Schreibenden
> Widersinniges von selbst vermeiden

Interessant, wovon die RSR (wohl) ausgeht. Am besten und meisten vermeidet man Widersinniges, wenn man die RSR ganz meidet. Ich empfehle deshalb „Brennesselsalat“ und „Preßspanplatte“.

Geschrieben von rrbth am 28.08.09 09:38

2  Urmeli

Die sog. RSR ist kein Allverderbmittel. Freilich ist Glaube eine wichtige Zutat bei der Spracherfassung. Zwischen Glaube und Ideologie, da sollte irgendwo die Wahrheit liegen...

Stopp. Geht ja nicht. Zwischen Glaube und Ideologie, da sollte irgendwo der Spaß anfangen. (Besser).

Geschrieben von Urmeli am 29.10.09 13:33

3  Jürgen

Doch, die "so genannte" Reform ist ein Allverderbmittel. Woher sonst bekämen wir "so viel" sogenannten "Spass" und "Strassen" und "aufwändige" Dinge wie "Gämsen", "Stängel" und "Stillleben" aka "Still-Leben", in dem sich "allein stehende" Menschen natürlich nicht "wieder finden". Allerdings könnten die "allein Stehenden" einander vor einem solchen "kennen lernen". Natürlich nur wenn sie anschließend im Übrigen, selbstständige Persönlichkeiten bleiben und ihre Kommas weiter hin sträuen dürfen wo sie wollen. (In mir durchaus vertrautem Neuschrieb könnte ein letzter Satz von einem Reformgeschulten tatsächlich so aussehen.)

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Für die 'Miss-Trauischen' in Deutsch: Natürlich nur, wenn sie anschließend im übrigen selbständige Persönlichkeiten bleiben und ihre Kommas weiterhin streuen dürfen, wo sie wollen.

Geschrieben von Jürgen am 22.07.10 01:09

4  Jürgen

Das Leseunfreundlichste, besonders für Leseanfänger, ist natürlich die beibehaltene ck-Nichttrennung. Kein Mensch, nicht einmal ein langjährig geübter Leser, würde beim Vorlesen dieser Hürde nicht hängenbleiben. Schlichtweg, weil dort jetzt ein vermeintlich 'langer' Vokal am Zeilenende steht, aber ein kurzer gebraucht wird. Man 'hängt' ja schon beim stillen Lesen.

Dies schreibe ich durchaus im Bewußtsein dessen, daß ich die Neuregelung der s-t-Trennung ablehne, auch wenn da ebenfalls eine 'langer' Vokal entsteht. Dies aber wegen der Schlichtheit und leichten Erlernbarkeit der Hilfsregel, die selbst Nichtmuttersprachler schnellstens intus haben: Trenne nie st, ...

Hinzu kommen grandiose Trennbeispiele aus der Wirklichkeit: entde-ckte, zerha-ckt, Eins-tein, Ra-sthaus, eins-teigen, Backs-tein, ...

Geschrieben von Jürgen am 22.07.10 01:34

5  Robert

Das Wort "sträuen" gibt es natürlich (noch) nicht. So entstehen Gerüchte...

Geschrieben von Robert am 26.11.10 11:07

6  Friedhelm Klein

@ rrbth und Jürgen:

wie schön, daß da noch Leute sind, die des Kaisers neue Kleider nicht sehen. Im Klartext: Es gibt gar keine RSR! Diese ist doch nur ein buntes Sammelsurium launiger Einfälle, welche schreibschwachen Kindern als Krücken dienen sollen, um scheinbar besser zu schreiben, und von uns Muttersprachlern langsam aber sicher niedergerungen wird.

Ist schon die Bindestrichitis ("Kerzenfabrik-Verkauf", "Spargelcreme-Suppe") zum Haareraufen, so gehen die, denen die Begriffe offenbar schon im Kopf zerbröseln, noch weiter und setzen nur noch Wortklötzchen: "Willy Brandt Schule" oder "Bio Blatt Salat". Auch herrlich: "Wacholder Schinken", also Schinken, der aus Wachold kommt?

Öfter st zu trennen, wenn es dem Sprachfluß entspricht, ist in Ordnung; das Nichttrennen des ck ist und bleibt dumm und falsch. Wenn wir "Bäk-ker" sprechen (also mit Silbengelenk), können wir nicht Bä-cker schreiben!

Geschrieben von Friedhelm Klein am 28.08.12 12:41

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