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Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten

roehrich.jpgSprichwörtliche Redensarten sind aus der deutschen Sprache nicht wegzudenken, oft sind wir es uns gar nicht bewusst, wenn wir sie anwenden, weil sie schon so selbstverständlich zum Instrumentarium des Ausdrucks gehören. Beleuchtet man die Redensarten aber näher, so ergeben sich viele Fragen, von denen "der Röhrich" die meisten profund beantwortet.

Wenn jemand "gegen den Strom schwimmt", so muss er nicht ein guter Schwimmer sein: Wir wissen sofort, dass es sich um eine Redensart handelt, die metaphorisch zu verstehen ist. Die Bedeutung ist sofort klar. Anders sieht es aus, wenn wir "Maulaffen feilhalten" oder "jemandem ein Schnippchen schlagen", der dann vielleicht "dasteht wie ein Ölgötze". Wir wissen zwar auch hier, was gemeint ist, aber was bedeutet es eigentlich?

In solchen Fällen hilft zuverlässig Lutz Röhrichs "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" weiter, welches 1973 das erste Mal erschien und schon ein Jahr später den 1. Chicago Folklore Prize gewonnen hat, was für ein Werk deutscher Sprache eine hohe Auszeichnung bedeutet. Die vorliegende CD-ROM basiert auf der erweiterten dreibändigen Neuausgabe von 1991 und enthält auf über 7.400 Bildschirmseiten mannigfaltige Informationen zu Bedeutung, Herkunft und Anwendung von rund 15.000 Redensarten.

Um auf die "Maulaffen" zurückzukommen: An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Rückverfolgung einer Redensart auf ihren Ursprung nicht immer ganz einfach ist. So ist das "Maulaffen feilhalten" lange Zeit interpretiert worden als eine verballhornende und lautmalerische Übersetzung des niederdeutschen "dat mul apen hollen", sprich: das Maul offen halten. Wahrscheinlicher ist aber, so leitet Röhrich eindrucksvoll her, dass der Ausdruck daher stammt, dass man sich im spärlich beleuchteten Haus einen brennenden Kienspan zwischen die Zähne klemmte, um die Hände frei zu haben, bevor man den Kienspan in seine Halterung steckte.

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"Maulaffen" mit Kienspänen im Mund (Olaus Magnus, 1567).

Entsprechend wurden diese Kienspanhalter aus Ton gerne als menschliche Köpfe gestaltet, denen man die Kienspäne in den Mund steckte. Das Ganze wurde in Österreich als "Maulauf" bezeichnet, woraus sich dann der "Maulaffe" ableitete, während sich das "feilhalten" vermutlich aus anderen, heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdrücken wie "einen Affen feilhalten" oder "einen Narren feilhalten" dazugesellt hat. Interessanterweise begegnet uns bei der Beleuchtungstechnik auch der "Ölgötze" wieder, als hölzerner Pfosten, an dem die Öllampe hing. Ursprünglich wurden als Ölgötzen - erstmals findet sich der Ausdruck bei Martin Luther 1520 - allerdings die Jünger Jesu bezeichnet, als sie am Ölberg schliefen, während Jesus im Garten Gethsemane betete.

Und jemandem "ein Schnippchen schlagen"? Nun, das geht darauf zurück, dass es früher als Zeichen der Missachtung galt, wenn man in Richtung seines Kontrahenten mit Finger und Daumen schnippte - die Geste ist in Vergessenheit geraten, ihre Bezeichnung nicht.

Lutz Röhrichs "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" begeistert nicht nur durch die Vielfalt und Menge der aufgenommenen Einträge, sondern auch durch die Gründlichkeit und Ausführlichkeit, mit der die einzelnen Redensarten behandelt werden. Röhrich zitiert, wo er kann, historische Quellen und auch erste prominente Anwendungen von Redensarten durch Schriftsteller, Dichter und Denker. Darüber hinaus zieht er Parallelen zu entsprechenden Redensarten in anderen Sprachen: Wo wir etwa sagen, dass wir mit jemandem "noch ein Hühnchen zu rupfen haben", haben die Niederländer "een appeltje met jemand te schillen" (einen Apfel zu schälen), die Franzosen "avoir des petits pois à écosser ensemble" (grüne Erbsen enthülsen) und die Engländer "have a bone to pick with a person".

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Eine Schlange am Busen nähren, Kapitell in Arles, 12. Jhd.

Seine ganz besondere Würze erhält das Werk durch die mehr als 1.000 Abbildungen, Stiche, Holzschnitte, Bilder und Cartoons aus zeitgenössischen Quellen, die als Anschauungsmaterial nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch kulturhistorisch äußerst interessant sind.

Das Lexikon greift wie alle Bände der Digitalen Bibliothek auf die Digibib-Oberfläche 4.01 zurück, die mannigfaltige Möglichkeiten der Darstellung und Recherche bietet. Aufgrund der Optionsvielfalt wünscht man sich am Anfang eher etwas weniger Befehle und Icons, weiß aber nach einer kurzen Eingewöhnungszeit die komfortable Oberfläche mehr und mehr zu schätzen. Es versteht sich, dass man das Werk komplett auf die Festplatte kopieren kann, so dass die CD-ROM fürderhin im Schrank verbleiben kann.

Insgesamt ist das "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" für jeden Sprachinteressierten zu empfehlen, der den sprachlichen Erscheinungen auf den Grund gehen will und sich nicht nur für die Herkunft einer Redensart interessiert, sondern auch für etwaige Bedeutungswandel und für historische Belege. Sprachwissenschaftler und Sprachforscher werden sich über die umfangreichen Angaben zu weiterführender Literatur freuen. Besonders gefällt aber an dem opulenten Lexikon, dass es sprachlich äußerst lebendig gehalten ist, so dass es oft vorkommen mag, dass man etwas nachschlägt und sich unversehens festliest, weil man auch die folgenden Beiträge spannend findet. Man hangelt sich von Querverweis zu Querverweis und befindet sich unversehens mittendrin in einem äußerst lehrreichen und kurzweiligen Ausflug in vergangene Zeiten und Kulturen, auf dem man vielen Merkwürdigkeiten und Geheimnissen der deutschen Sprache auf den Grund kommt. Ein rundum schönes Werk!

Lutz Röhrich:
Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten
2004, Directmedia (Digitale Bibliothek 42)
CD-ROM, Windows + Macintosh

Julian von Heyl am 09.06.06 | Kommentare (0) | Visits: 10003

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