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Fehler und Stilblüten

Geschnitten? Am Stück? Nein, das ganze Brot!

brotscheiben.jpg"Geschnitten oder am Stück?" Diese Frage stellt nicht nur Else Stratmann im Titel ihres Bestsellers, sondern man hört sie auch bei jedem Einkauf an der Wurst- oder Käsetheke. Und natürlich weiß jeder, was damit gemeint ist: Entweder hobelt die Verkäuferin fein säuberlich Scheiben herunter oder sie trennt ein komplettes Stück vom Ganzen ab – möglicherweise mit einem präzisen, grammgenauen Hieb wie die coole EDEKA-Verkäuferin aus der Werbung.

Doch mittlerweile hört man genau die gleiche Frage vermehrt auch in Bäckereien, da diese unterdessen fast ausnahmslos mit vollautomatischen Brotschneidemaschinen ausgestattet sind, welche mit unzähligen Klingen ratternd das Brot durchtrennen: "Geschnitten oder am Stück?"

Allerdings, was bei Wurst oder Käse semantisch flüssig eine Alternative befördert, wird bei Brot zur sprachlichen Stolperfalle, suggeriert "am Stück" doch, dass es sich hierbei um ein kleineres Teil von einem größeren Ganzen handelt. In der Regel will ich aber das ganze Brot, und die Verkäuferin hat sich gewaltig geschnitten, wenn sie denkt, mich mit einem Stück abspeisen zu können. Allerdings, antwortet man brav roboterhaft mit "am Stück", bekommt man dann auch bereitwillig den ganzen Brotlaib ausgehändigt. Was heißt: Die Verkäuferin macht überhaupt nichts mit dem Brot, schiebt es nur über die Theke. Warum gibt sie dann also überhaupt eine Alternative zu "geschnitten" an, anstatt einfach "Geschnitten?" zu fragen?

Bei sprachlichen Problemen ist bekanntlich die Dudenredaktion kompetenter Ansprechpartner, und auf meine entsprechende Anfrage bekam ich vom stellvertretenden Leiter Dr. Werner Scholze-Stubenrecht auch schnell eine ausführliche Antwort:

Im Prinzip ist Ihre Überlegung richtig, dass mit "Stück" ein Teil von einem Ganzen bezeichnet wird. Allerdings kann es sich dabei durchaus um in sich vollständige Einheiten handeln, wie die Beispiele "ein Stück Seife" oder "der Bauer hatte sieben Stück Milchvieh im Stall" zeigen. Auch in Komposita wie "Theaterstück" oder "Prüfstück" geht es nicht um Teilstücke.
Wenn in der Bäckerei heute "geschnitten oder am Stück" gefragt wird, obwohl mit einem "Stück Brot" niemals der ganze Brotlaib gemeint ist, scheint mir eine Übertragung von der Fleisch- oder Käsetheke vorzuliegen – bei einer Wurst meint "am Stück" in der Regel tatsächlich nicht die ganze Wurst. Bei solchen Übernahmen können semantische Merkmale des Ursprungs gelegentlich verloren gehen, sodass unter "am Stück" hier nur noch "nicht aufgeschnitten" verstanden wird. Dies geschieht wohl umso leichter, wenn ein Wort wie "Stück" in seiner Bedeutung vielleicht doch nicht so klar konturiert ist, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.

Ach so. Dem wäre allerdings entgegenzuhalten, dass beim Milchvieh das "Stück" eine reine Hilfsgröße zur Quantifizierung darstellt. Beim Bäcker würde man hingegen sagen, "kurz vor Feierabend hatte er noch sieben Laib Brot im Regal". Bei Seife ist es wiederum ähnlich wie bei Käse oder Wurst, das "Stück" Seife beinhaltet gedanklich die Gewinnung aus einem größeren Block. Recht hat die Dudenredaktion natürlich mit den Übertragungsverlusten semantischer Merkmale. Und, Hand aufs Herz: Kann man von einer Verkäuferin, die in einem kleineren Supermarkt möglicherweise sogar für beide Theken zuständig ist, Wurst und Brot, wirklich verlangen, dass sie die Art ihrer Fragestellung abhängig von dem, was sie gerade verkauft, differenziert? Wohl schwerlich!

Und dennoch: Bei der Frage "Geschnitten oder am Stück?" in der Bäckerei habe ich stets Lust, der Verkäuferin schon nach dem "Geschnitten ...?" mit einem "Ja!" ins Wort zu fallen, um sie an sprachlichen Ungenauigkeiten zu hindern. Wenn ich das Brot denn geschnitten haben wollte. Ich will es aber eigentlich fast immer, äh, am Stück.

Julian von Heyl am 07.12.07 | Kommentare (15) | Visits: 5335

Rubrik Fehler und Stilblüten:

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Kommentare

1  Ludger

Die Frage „Geschnitten oder am Stück?“ hat mich noch nicht unruhig gemacht. „Ein Stück“ ist ein Teil eines Ganzen, klar. Aber die Fügung „etwas am Stück kaufen“ aus der Welt des bedienten Kaufens meint doch, dass man etwas so kauft, wie es ist. Es verdeutlicht, dass man eine Stückelung, wenn diese bei bestimmten Dingen üblich ist oder angeboten wird, nicht wünscht. Benutzt nicht nur bei Wurst und Brot, sondern auch bei Stoff, Schnur und ähnlichen Dingen. Hier ist die übertragene Bedeutung – ganz losgelöst von den semantischen Bezügen des Stücks – doch im Sprachgebrauch ganz fest etabliert. Ich finde es nicht nachvollziehbar, warum man nun diese Bezeichnung nun nur dann verwenden sollte, wenn das Stück (der Rest), den man wünscht, nur noch ein Stück eines Ganzen darstellt. Man möchte ja ein bestimmtes Material oder eine Sache „am Stück“ - ganz unabhängig davon, ob diese noch vollständig ist (z. B. eine neue Rolle Stoff) oder nicht. Bei einem Laib Brot ist gut ersichtlich, ob es sich um ein Ganzes handelt oder nicht, bei anderen stückelungsfähigen Dingen wohl aber nicht immer.

„Etwas am Stück kaufen“ steht hier im Sinne von „etwas als Ganzes kaufen“. Nun könnte man sagen, dass ein Stück ja auch schon nicht mehr ganz ist. Aber man meint ja das noch vorhandene Ganze. Ob man nun darauf abstellt, dass in der Fügung „am Stück“ das Stück als „Exemplar“ steht, oder ob die Fügung auf eine „nicht gewünschte (weitere) Stückelung“ abzielt, könnte man sich fragen. Dass das Stück jedoch nicht zwingend als Stück eines Ganzen gemeint sein muss, drängt sich doch auf. Wenn man nur die Wortherkunft heranzieht, wann darf man solche Fügungen dann legitim auch im übertragenen Sinne verwenden, wann besteht eine neue idiomatische Wortverbindung? Wenn sie in einem Wörterbuch aufgenommen wird? Der Duden (Deutsches Universalwörterbuch) hat diese Bedeutung (ohne Erläuterungen) beispielsweise aufgenommen:

Unter dem Lemma „am“ findet man „etw. am Stück kaufen“, unter dem Lemma „tölten“ findet man „ich bin noch nie so lange am Stück getöltet“.

Nicht nur deshalb halte ich „am Stück“ nicht für eine zu entschuldige sprachliche Ungenauigkeit von überforderten Bäckereiverkäuferinnen, sondern für eine bereits bestehende idiomatische Wortverbindung. Würde sie wohl auch selbst in diesem Sinne verwenden und hoffe, dass ich dadurch nicht selbst mal einer sprachlich geübten Bäckereiverkäuferin negativ auffalle. :-)

Die Fügung „am Stück“ fern von Supermärkten und Bäckereien orientiert sich doch ebenso nicht mehr am herkömmlichen „Stück“. Wenn ich ein ganzes Buch am Stück lese, dann lese ich ja auch nicht ein Stück des Buches, sondern das ganze Buch. Auch einen (ganzen) Text kann ich am Stück schreiben. Anderes Beispiel: Ich fahre die 800 Kilometer nach Hamburg am Stück. Die 800 Kilometer sind auch nicht ein Stück einer längeren Strecke, sondern die ganze Strecke, um die es geht. „Am Stück“ hat hier die Bedeutung „ohne Unterbrechung“ oder kann eben auch „zusammenhängend“ meinen. Und in dieser Bedeutung kann dann auch etwas Stoffliches gemeint sein.

Zur Mengenbezeichnung: Ein Stück Papier ist ein Blatt Papier. Hier stellt man darauf ab, dass man Stück auch als eine Art Hilfsgröße verwenden kann, um eine Menge eines Stoffes (drei Stück Seife) abzugrenzen, wenn die Stücke selbst ein abgrenzbares Ganzes bilden (was grundsätzlich am meisten Sinn macht, wenn es eine handelsübliche Größe noch gibt), oder um eine Sache von einer größeren Menge gleichartiger Sachen abzugrenzen (drei Stück rote Tulpen; bei Tieren: drei Stück Milchvieh). Das ist eine überkommene Bedeutung, die aber mit den Fügungen „am Stück“ oder „am Stück kaufen“ meiner Meinung nach gar nichts zu tun hat und damit für die Analyse dieser Wortverbindung irrelevant ist.

Viele Grüße

Ludger

Geschrieben von Ludger am 20.08.09 13:46

2  Karl

Die Antwort der Dudenredaktion überzeugt mich nicht, weil es sich bei den Beispielen für die Verwendung von "Stück" für vollständige Einheiten eben doch um Teile eines Ganzen handelt. Ein Stück Seife war früher ein Teilstück, das der Kramer dem Kunden von einem großen Seifenblock abgeschnitten hat. Heute macht das freilich in der Regel die Seifenindustrie, nur bei kleinen handwerklich arbeitenden Seifensiedern kann man noch Seife im Ganzen oder am Stück erwerben. Auch das "Stück Milchvieh" ist ein Teil eines ganzen, nämlich ein Tier einer Viehherde. Auch beim Theaterstück ist ein einzelnes Spiel aus dem Gesamtprogramm eines Theaters gemeint. Ähnlich ist das Prüfstück ein Teil aus der Gesamtproduktion.

Auch beim Bäcker kann man unterscheiden zwischen "im Ganzen", das ist der gesamte Brotlaib, "am Stück", das ist ein nicht aufgeschnittener Teil eines Laibs, und "aufgeschnitten", das ist in Scheiben geschnittenes Brot.

Viele Grüße,
Karl

Geschrieben von Karl am 04.09.09 09:37

3  Tom S. Fox

Ich sehe da kein Problem, da man das Brot ja in einem Stück, also unbeschädigt, als Ganzes, bekommt.

Geschrieben von Tom S. Fox am 05.10.09 00:16

4  Ursel Krings

Das ganze Stück? Oder nur ein Stück? Am Stück? Oder ein Stück geschnitten?

Ich wollte ein bisschen Schneid einbringen, hab ich mich wohl geschnitten!

Lieben Gruß

Ursel

Geschrieben von Ursel Krings am 09.10.09 11:07

5  Aquarius

Geschnitten? Am Stück? Ja, und was ist jetzt mit dem doch auch durchaus üblichen "halben"? ;)
Könnte dann natürlich auch wieder geschnitten werden...

Geschrieben von Aquarius am 13.01.10 01:17

6  Andy

Der Frage der Verkäuferin komme ich zuvor, indem ich schon bei der Bestellung sage, dass ich das Brot geschnitten möchte. Damit macht man eine gewiefte Verkäuferin aber noch längst nicht mundtot. So erhielt ich vor ein paar Tagen als Erwiderung auf meine Bestellung die irritierende Frage: "Normal geschnitten?"

Ich habe die Frage zwar bejaht aber natürlich auch nachgefragt, was ich denn erhalte, wenn das Brot unnormal geschnitten wird. Die Verkäuferin wurde zwar (sehr kurz nur) ganz leicht verlegen, hatte aber eine Antwort parat. Manche Kunden mögen die Brotscheiben etwas dicker oder dünner. Dazwischen liegt "normal".

Ich muss gestehen, dass ich mir über die Stärke der Brotscheiben bisher nie Gedanken gemacht habe. Vielleicht sollte ich eine mir angenehme Scheibe vermessen und bei künftigen Bestellungen Millimeterangaben machen. Denn ich habe Zweifel, ob "normal" für Brotscheiben auch tatsächlich genormt ist.

Geschrieben von Andy am 21.03.11 10:39

7  asdf

Als ich vor einigen Tagen wieder mal auf diese Frage mit "Nein, ungeschnitten!" antwortete, wurde das Brot doch geschnitten. Lag einfach an der üblichen Geräuschkulisse (das "Nein, un..." ging wohl unter und sie verstand offensichtlich nur ein "...geschnitten"), ordentliche Verständigung ist an der Brottheke eben schwer.

Möglicherweise ist daher die falsche Ausdrucksweise "am Stück" doch besser, denn das klingt deutlich anders, d.h. auch wenn nur ein "...ück" ankommt, ist klar, welche der möglichen Optionen gemeint ist. Was sich im Flugfunk als sinnvoll herausgestellt hat, könnte ja auch an der Brottheke funktionieren.

Geschrieben von asdf am 30.06.11 07:26

8  Markus

Sehr amüsant,

"kurz vor Feierabend hatte er noch sieben Laib Brot im Regal".

Da stimmt auch was nicht ;D

Geschrieben von Markus am 10.02.12 19:44

9  Tom S. Fox

Was soll daran nicht stimmen?

Geschrieben von Tom S. Fox am 10.02.12 20:10

10  Markus

Also wenn ichs erklären muss, ist es nicht mehr lustig :D.

Spass beiseite, es handelt sich um 7 Brote bzw. 7 Laibe, daher plural oder?
Ich lasse mich gern eines b(B)esseren belehren.

Gruß Markus

Geschrieben von Markus am 11.02.12 01:26

11  Julian von Heyl

Nein, das stimmt schon so:

Maß-, Mengen- und Münzeinheiten des Maskulinums oder Neutrums (z. B. der Zoll, das Fass) erscheinen auch nach Zahlwörtern, die Zahlen außer 1 bezeichnen, meist als endungslose Form, die dem Nominativ Singular entspricht
© Duden - Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]

Im Duden "Das große Wörterbuch der deutschen Sprache" findet sich ferner das Beispiel:
Wir haben immer auf einmal 16 Laib Brot gebacken (Wimschneider, Herbstmilch 13)

Geschrieben von Julian von Heyl am 11.02.12 01:38

12  Markus

Danke für die Info,

ich selbst hätte wohl intuitiv "7 Laibe Brot" benutzt.

Aber man sagt ja auch "5 Stück Vieh" und nicht Stücke.

Vielen Dank nochmal

Markus

Geschrieben von Markus am 11.02.12 15:09

13  mendax

@ #2, Karl:
Wenn Sie so argumentieren, müssten Sie dies dann aber auch konsequent zu Ende führen: nämlich beim Brot. Das gesamte Brot, das zur Verfügung steht in der Bäckerei, unterteilte sich dann in die verschiedenen Brotsorten und dann noch einmal in die einzelnen Brotlaibe (also Stücke des gesamten Brotes)!

Geschrieben von mendax am 23.02.13 09:27

14  Karl

Zu mendax:
Das ist recht spitzfindig. Vielleicht sagt der Bäckermeister: "In diesem Regal haben wir unser ganzes Brot", und meint damit, daß sich in den Regal alle Laibe der verschiedenen Brotsorten befinden. Aber üblicher Weise meint man mit einen Brot einen Laib Brot, mit einem Stück Brot einen Teil eines Laibes und mit geschnittenem Brot in Scheiben geschnittenes Brot oder halt Schnittbrot.

Geschrieben von Karl am 23.02.13 14:25

15  Frank J.

Hmm, ich habe mich gefreut über den Artikel und die Kommentare. Das ist wunderbar erfrischend.

Denke ich an die Brotverkäuferinnen in meinem Umfeld (es sind immer Frauen), dann frage ich mich allerdings vor allem, wie sie auf diese Lektüre reagierten.

Ich kaufe ab und zu ein Dreisaat-Brötchen. Regelmässig wird es von den Verkäuferinnen als „3sat“-Brötchen ausgesprochen. Ich bestelle deshalb spasseshalber schon mal ein TV-Brötchen – und bekomme das richtige!

Ich lerne: Was zählt, ist aufm, äh, überm Tresen.

Geschrieben von Frank J. am 31.01.16 13:00

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