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Fehler und Stilblüten

meist gelesen / meistgelesen – Siegeszug eines Fehlers

Es gehört zu den Phänomenen des Internets, dass sich nicht nur Richtiges, sondern auch Falsches virusartig und blitzschnell verbreitet – der eine schreibt es eben vom anderen ab. Dennoch kann man nur verblüfft sein, mit welcher Rasanz die Falschschreibung »meist gelesen« ihren Siegeszug antrat. Dabei ist die Ursache sehr simpel.

Aber, um den Sachverhalt zunächst klarzustellen: Verwirrenderweise gibt es das Wörtchen meist in der deutschen Sprache in zweifacher, wenn auch ähnlicher Bedeutung. Als Adverb heißt es so viel wie »meistens, in der Regel«. Ein meist gelesener Artikel ist also ein Artikel, der meistens, in der Regel gelesen, hin und wieder aber auch auf andere Weise konsumiert wird – zum Beispiel, indem sich die Rezipienten nur die Bilder des Artikels anschauen.

Tatsächlich muss die Überschrift, die zumeist über Linklisten mit den beliebtesten Artikeln steht, natürlich »meistgelesen« lauten, wobei »meist...« Verbpräfix und Indefinitpronomen ist. Entsprechend auch: meistgekauft, meistgeehrt, meistverbreitet, meistgenannt.

Und warum sieht man es plötzlich überall falsch? Die Erklärung ist verblüffend einfach: Die Falschschreibung »meist gelesen« ist der vorgegebene Titel in einem Software-Modul des sehr beliebten Content-Management-Systems Joomla!, ein Modul, das eben die Aufgabe hat, die Überschriften der am häufigsten angeklickten – also der meistgelesenen – Beiträge einer Website in einer Liste zusammenzufassen. Und da Tausende Websites die Joomla!-Engine mit den unveränderten Standard-Templates einsetzen, steht eben nun auf Tausenden von Websites die Falschschreibung. Und die, die vorher noch unsicher waren, schreiben es von dort ab.

Immerhin ist die Joomla!-Macht so groß, dass auch die dümmste Suchmaschine der Welt schon infiziert ist. Gibt man bei Google »meistgelesen« ein, kommt sofort die Rückfrage: »Meinten Sie: meist gelesen?« Und auch wenn man das nicht meinte, sucht Google übrigens trotzdem danach – aber das ist eine andere Geschichte.

Julian von Heyl am 01.06.10 | Kommentare (13) | Visits: 12461

Rubrik Fehler und Stilblüten:

Rechtschreibfehler sind ärgerlich, natürlich. In vielen Fällen können sie aber auch sehr erheiternd sein. Auf unseren Streifzügen durchs Netz haben wir für Sie die schönsten Fehler und Stilblüten gesammelt. Viel Spaß bei der Lektüre.

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Kommentare

1  Friederich

Ach, kommen Sie! Joomla mag ja eine kleine Mitschuld haben, aber hauptsächlich liegt die Häufung dieses Fehlers doch an der sog. Rechtschreibreform, die dem Schreibvolk den Aberglauben verimpft hat, daß alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in sein Wortbestandteile zerprügelt werden müsse. Damit steht »meist gelesen« in einer Reihe mit »platt gemacht«, »schlecht geredet« und »allein gelassen«, und für diese kann man ja wahrlich nicht Joomla verantwortlich machen — wohl aber die KMK.

Geschrieben von Friederich am 19.06.10 01:21

2  Edgar

Und auch hier der Hinweis: Wer Google auf Englisch einstellt, bekommt die korrekte Suchliste für "meistgelesen" auch ohne Hochkommata. Übrigens steht da dieser Artikel bei mir gleich auf der ersten Seite =)

Geschrieben von Edgar am 29.06.10 00:58

3  Tom S. Fox

Des Internet? Jetzt fang du nicht auch noch an!

Geschrieben von Tom S. Fox am 21.07.10 01:17

4  Julian von Heyl

Genitiv-s eingefügt, danke!

Geschrieben von Julian von Heyl am 21.07.10 01:19

5  Tom S. Fox

Wie kommt es eigentlich, dass ich deine Blogeinträge nicht mehr per E-Mail erhalte?

Geschrieben von Tom S. Fox am 21.07.10 01:28

6  Julian von Heyl

Das liegt daran, dass ein Abo für alle Einträge leider gar nicht möglich ist, du musst jede Rubrik einzeln abonnieren.

Oder einfach den RSS-Feed in einem RSS-Reader deiner Wahl abonnieren, zum Beispiel in Outlook (ab 2007).

Geschrieben von Julian von Heyl am 21.07.10 01:33

7  Jürgen

Zum Wörterzerhacken ist eigentlich (unter Fachleuten) alles geschrieben - die Opfer der 'Kultus Minister Konferenz' und der 'Bundes Regierung' haben es nur noch nicht gemerkt.
Mein Kommentar gilt (anscheinend/vermutlich hier auch schon anderswo behandelt) dem sinnlosen Genitiv-s an falscher Stelle, nämlich z.B. an besagtem Internet! Hier muß man das so oft von den "Reformern" (und auch dem angeblichen Sprachkenner Sick) so oft als Totschlagargument hervorgeholte Alleinstellungsmerkmal tatsächlich einmal betonen: Der Genitiv ist schon durch das 'des' gekennzeichnet, man braucht kein 's' am Substantiv (Name, alleinstellende (sic!) Bezeichnung o.ä.).
Spielen Sie doch mal das 's' nach des an Ihren eigenen Namen oder an einer Monatsbezeichnung durch: die Arbeit des von Heyls, am Abend des 1. Mais - wäre doch genial scheußlich*, oder? Genauso widerlich wie "des Iraks", "die Wellen des Atlantiks", "das Leben des Dalai Lamas" oder, oder, oder. Nichts aber gegen "die Wolle des Lamas" (pars pro toto!).
Und gegen den Willen des Tom S. Foxes (oder lieber Foxs?) hätte ich hiermit das 's' am Internet (gips nur einmal!) gern wieder weg.

P.S. Ich schreibe übrigens bewußt in (halbwegs) korrekter "alter" Rechtschreibung - und ich lasse auch so drucken. Dieser tumbe "Reform"-Wirrwar ist ja kaum noch erträglich nach fast zehn Jahren Verbreitung von Irrwitz und inkonsequenter Rücknahme. Die Buchhandlungen sind nach wie vor "voll gestopft" mit miserabel lektorierten (und gefühlt nie korrigierten) Druck(mach)werken und Schüler/Studenten werden nach Gutdünken mit irgendeiner personengebundenen Spielart dieser "Reform" traktiert - und kommen auch im Arbeitsalltag als Praktikanten oder Volontäre so rüber.

* Falls hier jemand gern 'schäußlich' hätte (analog zum idiotischen "Gräuel", ich hätte da eine gerade im Netz entdeckte "Nässel" anzubieten - zum "selbst Verbläuen" ...

Geschrieben von Jürgen am 22.07.10 00:07

8  Tom S. Fox

Da ist der Duden aber anderer Meinung, Jürgen:

„In|ter|net , das; -s“

Übrigens war es früher sehr wohl üblich, Eigennamen ein Genitiv-s anzuhängen. Siehe: Die Leiden des jungen Werthers

Geschrieben von Tom S. Fox am 22.07.10 05:23

9  Tom S. Fox

Bei „Mai“ und „Atlantik“ ist das Genitiv-s übrigens auch noch verbindlich. Und ein Wort wie „Fox“ erhält sowieso kein Genitiv-s, da es bereits auf einen Zischlaut endet; daher ist deine kleine Analogie völliger Quatsch.

Geschrieben von Tom S. Fox am 22.07.10 05:39

10  Jürgen

Zu Werther: Ja, genau, früher, so um 1800 ... Dahin ist die Deform auch direktemang zurückgelatscht, vor die Grimms, vor Duden, vor Wahrig (als der noch das beste, unverbindlich!, deutsche Wörterbuch war) ...

Zu Fox - vgl. des Fuchses ... - die Variante mit dem direkten s-Ankleben erweist sich gerade als gelungene Provokation. ;-)
Ich drücke mich ungern abwertend aus, aber dieses -s an Eigennamen oder Individualbezeichnungen hat was Affektiertes und wirkt schlicht ungebildet. Wer so SPRICHT, macht sich irgendwie lächerlich, wie mit abgespreiztem kleinem Finger beim Teetrinken. Man hört es auch kaum, und wenn: Ich hab's gerade letzten Sonntag in der ZDF-Terra-X-Sendung am Atlantik-Beispiel erlebt: einmal mit s (des Atlantiks), dann durchgängig ohne ...
__________________

Was, bitteschön, ist an Sprache (Schriftsprache) "verbindlich"?

Der Duden ist doch seit 1996 komplett desorientiert, hat inkonsequenten, mittlerweile (teils ziemlich heimlich) wieder abgeschafften Nonsens verbreitet und ist damit völlig irreführend. Von Verbindlichkeit kann da wahrhaftig keine Rede mehr sein.
Was da vor allem stört, ist die kompromißlose Hörigkeit, mit der diese von Bertelsmann gewünschte und von einem dafür untauglichen, weil nicht qualifizierten Parlament abgesegnete 'Reform' durchgepeitscht wurde, die anschließend zu 99 Prozent zurückgefahren und uns mit dem übrigen Unfug als 'verbindlich' hinterlassen wurde.

In der Praxis (vor allem undank Microsoft Office etc., weil die auf dem Stand von 2003 herumhängen) führt das bis heute (ich korrigiere gerade eine international zu verbreitende wissenschaftlich-politische Publikation) zu absolutem Schreibwirrwarr, wie ihn meines Wissens keine andere (gehobene) Schriftsprache zu erdulden hat.

Geschrieben von Jürgen am 22.07.10 15:51

11  Julian von Heyl

Dies hier ist die Weblog-Kommentarfunktion, sie dient dazu, im Weblog publizierte Beiträge zu kommentieren.

Allgemeine Diskussionen über pro/contra Genitiv-s oder pro/contra Rechtschreibreform haben hier nichts verloren, ich bitte dafür das Forum zu nutzen.

Geschrieben von Julian von Heyl am 22.07.10 15:55

12  Matthias Hartmann

Es gehört zu den Eigenarten des Internets(?), daß Inhalte jahrzehntelang ein Schattendasein fristen, auch wenn sie irgendwann nicht mehr ganz frisch sind. Nachdem ich während einer Recherche zufällig auf diesen Artikel gestoßen bin, möchte ich gerne auch noch meinen Senf dazu geben (hehe).
Mit Verlaub, Herr von Heyl, es geht in dieser Diskussion doch nicht nur um das Genitiv-s im allgemeinen (haha), sondern genau so gut (hih) auch im besonderen (hoho), sich direkt auf das Internet ihres Artikels beziehend!
Ich persönlich sehe bei des Atlantiks keinerlei abgespreizte Finger, sondern höre nur flüssige, angenehm richtig klingende, deutsche Sprache. Im Gegensatz dazu empfinde ich des Internet oder des Atlantik als typisch journalistische, affektierte Möchtegernsensationssprache.
Meiner Meinung nach sollte wieder mehr Gewicht auf Sprachgefühl gelegt werden, anstatt auf Gleichschaltung!
Übrigens halte ich es für noch viel wichtiger, endlich das Dativ-Phänomen in den längst verdienten Plural - meinetwegen auch Phänomena - zu verwandeln, anstatt über das arme, gebeutelte s zu streiten.

Geschrieben von Matthias Hartmann am 23.12.12 01:56

13  Julian von Heyl

Herr Hartmann, da überwiegt die Freude über den gefundenen Fehler und das Spaßige doch deutlich die Peinlichkeit. Um einmal bildlich zu sprechen, was den ersten Satz angeht: Da brennt die Hütte und die Leute unterhalten sich über eine schief eingehängte Tür. Vielen Dank! Den Phänomenen habe ich jetzt ihren lang entbehrten Plural gegönnt.

Geschrieben von Julian von Heyl am 23.12.12 02:09

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