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Nachgefragt

EDV-basiert oder EDV-basierend?

Wenn A auf B basiert, kann man auch sagen: das auf B basierende A. Dennoch verzeichnen die Wörterbücher nicht etwa z. B. »netzwerkbasierend«, sondern »netzwerkbasiert« als Stichwort. Das auf B basierende A würde man also adjektivisch »das B-basierte A« nennen? Dr. Scholze-Stubenrecht bringt Licht in die besonders in der Fachwelt häufig anzutreffenden Adjektivbildungen mit »-basiert«.

Frage:
Besonders im EDV-Bereich werden – offenbar in Anlehnung an das englische »based« – häufig zusammengesetzte Adjektive mit dem Partizip II »basiert« konstruiert, wenn man eine technische Grundlage verdeutlichen will. Im Duden findet man etwa »netzwerkbasiert«, aber auch Zusammensetzungen mit Abkürzungen sind üblich, zum Beispiel »ein IP-basiertes System«. Häufiger ist allerdings die Ansicht zu lesen, dass es im korrekten Deutsch »basierend« heißen müsse, also »netzwerkbasierend« oder »ein IP-basierendes System«. Welche der beiden Formen ist nun richtig? Oder kann man beide Formen verwenden? Oder besteht gar ein Bedeutungsunterschied zwischen beiden Formen?
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Die Adjektivbildungen mit »-basiert« sind so zahlreich und üblich, dass sie in der Duden-Grammatik (Randzahl 1143) als eines der Beispiele für den Wortbildungstyp »Kompositum mit substantivischem Erst- und departizipialem Zweitglied« angeführt werden. Das Unbehagen der Kritiker ist zwar verständlich, weil der transitive Gebrauch von »basieren« heute eher selten ist. Aber er ist keineswegs ausgeschlossen, wie nicht nur der entsprechende Eintrag im Duden-Universalwörterbuch*, sondern auch die folgenden Belege aus dem Duden-Korpus zeigen:

  • Ferner verteilt die amerikanische Methode die jährlichen Pensionskosten gleichmäßiger auf die Arbeitszeit der Beschäftigten als die deutsche Teilwert-Methode. Letztere basiert den Rückstellungsaufwand auf die letzten Arbeitsjahre des Beschäftigten (SZ 1998)
  • Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» basiert seinen Rohwarenindex, der erstmals im Jahre 1864 publiziert wurde und der ohne Erdöl und Edelmetalle insgesamt 25 Rohwaren umfasst, neu auf dem Jahre 2000 (NZZ 2005)
  • Der Ausschuß selbst fällte kein politisches Urteil. »Wir basieren unseren Bericht auf Fakten …« (Handelsblatt 1999)

»-basiert« einfach durch »-basierend« auszutauschen, scheint mir ohnehin nicht sinnvoll zu sein, weil man bei Komposita mit dem ersten Partizip in der Regel den substantivischen Bestandteil als direktes Objekt des Verbs versteht: Ein computerstützendes System unterstützt den Computer, ein computergestütztes System wird vom Computer unterstützt.
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Dudenredaktion

———
* Der Eintrag lautet:
ba|sie|ren [frz. baser, zu: base < lat. basis] (bildungsspr.):
1. fußen, beruhen; sich gründen, sich stützen: der Text basiert auf dem Vergleich einer großen Anzahl von Abschriften.
2. (selten) gründen: wir haben unsere Pläne auf diese (auch: dieser) Tatsache basiert.
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].

Julian von Heyl am 13.10.09 | Kommentare (6) | Visits: 27381

Rubrik Nachgefragt:

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Kommentare

1  Tom S. Fox

Dieses verdammte Englisch!

Geschrieben von Tom S. Fox am 13.10.09 23:01

2  Julian von Heyl

@Tom: Etwas differenzierter und elaborierter darf es in den Kommentaren schon zugehen.

Geschrieben von Julian von Heyl am 14.10.09 01:20

3  Tom S. Fox

:(

Geschrieben von Tom S. Fox am 14.10.09 01:28

4  Rudy Gasson

Leider gibt es für diesen Trend recht eindeutige Gründe: Geld und Kürze. Man spart eine Präposition und einige Zeichen. Als Übersetzer habe ich jeden Tag mit diesen Fällen schleichender Sprachveränderung zu tun (um es halbwegs neutral auszudrücken). Die klare Anweisung sowohl für die Autoren als auch für die Übersetzer lautet: Je kürzer, desto besser. Ob es dadurch verständlicher ist, bleibt offen und in einigen Fällen fraglich. Schön geschrieben könnte es z.B. heißen:
Ein auf IP basierendes Protokoll.
Aber gewünscht ist:
Ein IP-basiertes Protokoll.
6 Zeichen gespart.
(Der Abkürzungswahn gehört übrigens auch zu den unschönen Nebenwirkungen dieses Trends.)

Geschrieben von Rudy Gasson am 18.10.09 17:44

5  Urmeli

Die Beispiele aus der EDV (gibt's die also noch?) geben so manchen Denkanstoß, auch verschiedenartige.

Rudy Gasson weist auf einen Missstand hin, der bewusst hervorgerufen wird, indem die Zerstörung der Sprache, -als kleineres Übel-, gegen einen unmittelbarer spürbaren, materiellen Gewinn verrechnet wird.

Das ist nicht überall zwangsläufig so, entspricht aber bestimmt den Gewohnheiten der Branche. Freilich sollte man die Handbuchautoren und Übersetzer im Dienste nicht-kommerzieller Projekte hie und da ein bisschen dazu auffordern, die oft höhere Qualität der Software oder Dienstleistung mit einer entsprechenden Sprache zu begleiten. Das kostet viel Disziplin, manchmal Überwindung, besonders, wo man sich an direkter, gut etablierter Konkurrenz messen will und noch mehr, wo der Erfolg den Ehrenamtlichen (Potzdonner) dann auch noch Recht gibt! Paradigmen müssen erst gebrochen werden. Aber dazu sind sie wohl da.

Meiner Erfahrung nach, die ich in beiden Lagern gesammelt habe, ist die Anspruchshaltung der Leser solcher Werke gar nicht so festgelegt. Ein freier Autor setzt sich meiner Ansicht nach einem nur geringen Risiko aus.

Geschrieben von Urmeli am 29.10.09 13:22

6  MurphysLaw

@Rudy: Haben auch gerade so einen Fall. Das lässt sich aber auch noch anders - und korrekt - lösen:
Ein IP-basiertes Protokoll.
26 Zeichen

Ein Protokoll auf IP-Basis.
26 Zeichen

Ansonsten stimme ich dem Urmeli voll und ganz zu. Wenn schon die Übersetzer und Sprachdienstleister nicht auf sprachliche Qualität achten und ggf. auch dem Autor - also dem Kunden - entsprechende Rückmeldung geben, wer sonst?
Wenn die sprachliche Qualität eines professionellen Übersetzers irgendwann auf die von Google Translate sinkt, macht er sich damit auf lange Sicht nur selbst überflüssig. :-(

Geschrieben von MurphysLaw am 17.09.12 17:16

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