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Nachgefragt

Publika als Plural von Publikum?

Neben Substantiven wie »Ferien« oder »Leute«, die nur im Plural vorkommen, gibt es im Deutschen auch solche ohne Pluralform: »Ruhe« oder »Überfluss«. Auch das »Publikum« scheint es in der Mehrzahl nicht zu geben – oder doch?

Frage:
Bislang bin ich immer davon ausgegangen, dass es sich bei Publikum um ein Singularetantum handelt, also um ein Wort, das nur im Singular vorkommt. In den meisten Wörterbüchern, so auch etwa im Deutschen Universalwörterbuch, ist auch keine Pluralform verzeichnet. Jedoch findet sich im Online-Wörterbuch von Duden unter dem Lemma Publikum eine Deklinationstabelle, die den Plural »Publika« nahelegt.

Ich gebe zu, diese Pluralform noch nirgends gelesen zu haben, und hätte auch Mühe, sinnvolle Beispielsätze damit zu konstruieren. Können Sie Näheres zur Entwicklung bzw. Verwendung dieser Pluralform sagen? Oder ist die Deklinationstabelle im Online-Duden als eher theoretische Option zu verstehen?
Julian von Heyl, korrekturen.de

Antwort:
Wir haben in der Tat in unsere Substanzen inzwischen den (als selten markierten) Plural »Publika« neu aufgenommen. Er wird in den nächsten Auflagen der größeren Wörterbücher zu finden sein. Die Entscheidung gründet sich auf nicht sehr zahlreiche, aber recht gut gestreute Belege dieser Art:

  • Was sind die Faktoren, die Tageszeitungen im Wettbewerb mit anderen Medien um die Aufmerksamkeit der Publika erfolgreich machen? (NZZ 2005)
  • Die Publika gewöhnen sich weiter daran, Nachrichten »gratis« zu bekommen, auch wenn diese letztlich nicht umsonst zu haben sind. (Standard 2010)
  • Die Autoren, offenbar Anhänger schneller Mehrfachverwertung, träumen von einer Kulturindustrie mit »Künstlern und Kulturmanagern, die vom ersten Tag an für diverse Publika produzieren und sich als Unternehmer erproben«. (Handelsblatt 2012)
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion

Julian von Heyl am 15.05.13 | Kommentare (5) | Visits: 12872

Rubrik Nachgefragt:

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Kommentare

1  Tom S. Fox

Ich bin überrascht, dass dieser Plural korrekt vom lateinischen Plural abgeleitet ist.

Geschrieben von Tom S. Fox am 15.05.13 15:02

2  Rainer Seckinger

Die sog. "gut gestreuten Belege", die hier aufgeführt werden, sind aus drei Artikeln, einer schweizerischen, einer österreichischen Zeitung und aus einem deutschen Wirtschaftsblatt. Es sind jeweils Artikel einzelner Redakteure. Wenn der Duden aus drei Einzelmeinungen zur Schreibweise eines Wortes (es sollen "Belege" sein) gleich schließt, dies sei richtig und müsse "in den nächsten Auflagen der größeren Wörterbücher zu finden sein", dann werden wir in Zukunft eine völlig freie Schreibweise aller Wörter haben, da beim täglichen Blick in die Zeitung so viele Schreibfehler auffallen.
Oder ist es so, dass der Duden gerne alles in sich aufnimmt, um eine Neuauflage seiner Werke zu rechtfertigen?

Geschrieben von Rainer Seckinger am 20.08.13 10:18

3  Julian von Heyl

Die Formulierung "gut gestreute Belege dieser Art" sollte eigentlich deutlich machen, dass die darauffolgenden Belege nur Beispiele sind; natürlich gibt es mehr.

Was die grundsätzliche Arbeitsweise bei Wortneuaufnahmen angeht, empfehle ich dieses Video: http://youtu.be/TzkLBjYQijE

Geschrieben von Julian von Heyl am 20.08.13 16:11

4  Joachim

Die Entscheidung halte ich für angebracht, da ich das Publikum nicht nur als Zuhörerschaft, sondern zunehmend auch als ein Gebilde aus unterschiedlichen Märkten wahrgenommen erkenne.
Statt sich mit "Publikumsarten, -segmenten, -generationen" zu verkünsteln, sollte man wenigstens die Möglichkeit haben, von Publika zu sprechen, wenn es um Bereiche geht, in denen der Aspekt der Zuhörerschaft, der Öffentlichkeit allgemein, nebensächlich ist und es mehr um die unterschiedlichen Märkte geht, die das Publikum in seiner Summe bildet.
Im Gegensatz zur abstrakten oder allumfassenden Öffentlichkeit, die nur ein potentielles Publikum darstellt, ist das tatsächliche Publikum ein konkreter Teil davon, nämlich der Teil, der auch das Angebot annimmt und z.B. eine Zeitung liest, oder ein Konzert besucht, während die restlichen Personen in der allgemeinen Öffentlichkeit dies zwar tun können, aber nicht tun.
Publikum also nicht als "die Öffentlichkeit", sondern als Summe der "Kunden" gesehen, sollte differnzierbar sein in Teilsummen dieser Kunden, in Publika.
Wenn es einmal soweit kommen sollte, dass von "Öffentlichkeiten" geredet wird, werde ich allerdings Einspruch erheben.

Geschrieben von Joachim am 24.09.13 20:04

5  Tom S. Fox

@Rainer Seckinger: Zudem geht es hier auch nicht um die Schreibweise sondern um die Pluralbildung.

Geschrieben von Tom S. Fox am 24.09.13 20:36

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